Hund und Herrchen haben genug vom Einsatz an den Gleisen. Beide knurren. "Was finden Sie nur plötzlich an den Gleisen so attraktiv?", schnauzt der Hundeführer der Polizei Niedersachsen zwei grauhaarige Aktivisten an, die den Bahndamm bei Hitzacker im Wendland erklettert haben. Der schwarze Schäferhund bellt. "Warum sind sie denn da", fragt ein Mann zurück. "Um Euch aufzuhalten", bellt der Beamte zurück. Mensch und Tier sind seit Stunden im Einsatz. Schon in der Nacht ging es los. Aktivisten der Kampagne "Castor Schottern" versuchten an vielen Stellen im Wendland zu den Schienen zu gelangen, um das Gleisbett auszuhöhlen und die Strecke für den Zug mit den elf Castor-Behältern unpassierbar zu machen. Tausenden Polizisten konnte das bisher allzumeist verhindern – mitunter durch den Einsatz von Pfefferspray, Reizgas und Gummiknüppeln.

Auch an den Gleisen in Hitzacker soll es zu Rangeleien zwischen Aktivisten und Polizisten gekommen sein. Es hält sich das Gerücht, dass ein Räumpanzer der Polizei in Brand aufgegangen sei. Beamte wollen das nicht bestätigen. Am Mittag und frühen Nachmittag bleibt es auf dem Bahndamm bei Hitzacker aber ruhig. Auch wenn vielen Polizisten die Anspannung anzusehen ist.

Auch die Pferde der Reiterstaffel scheinen genug zu haben: Sie scharren mit den Hufen, bewegen die Köpfe unruhig hin und her. Die Tiere stehen auf den Gleisen, nur wenige Meter entfernt harren zahlreiche Aktivisten auf den Gleisen aus. Frauen beschweren sich bei den Konfliktmanagern der Polizei, die Reiter rückten viel zu dicht an die Demonstranten heran. Ein Mädchen sei von einem Polizeipferd schwer verletzt worden, sagen die Aktivisten. Den Rettungshubschrauber, der sie ausgeflogen hat, hatten Hunderte gesehen. Informationen, wie es ihr geht, gibt es keine.

Viele der Aktivisten kommen aus dem Camp Hitzacker, sie sind am Vormittag gemeinsam aufgebrochen. Hunderte Menschen konnte die Polizei nicht daran hindern, den Bahndamm zu erklimmen. Einige Beamte hätten zunächst Pfefferspray eingesetzt, dann aber damit aufgehört. Die Demonstranten haben sich vorher darauf geeinigt, gewaltfreien Widerstand zu leisten und sich von den Gleisen wegtragen zu lassen. Die Schienen sollen aber nicht beschädigt werden und keine Beamten angegriffen werden. "Wer schottern möchte, der muss bitte gehen und sich einen anderen Gleisabschnitt suchen", ruft ein hagerer Mann in ein Megafon. Er erntet Applaus. Sitzblockaden auf der Strecke des Castor-Zuges haben im Wendland Tradition.

Als eine Frau durchsagt, dass der Castor-Zug bei Celle feststeckt, weil sich Aktivisten an Schienen festgekettet haben, jubelt die Sitzblockade in Hitzacker. Noch lauter wird der Beifall, als die Rednerin verkündet, dass Bauern aus Hitzacker eine Straßenblockade mit Traktoren errichtet haben und die Polizei nicht mehr mit ihren Mannschaftsbussen durchkommt. An den Gleisen aber sind viel zu wenige Polizisten, um 1500 bis 2000 Menschen wegzutragen. Eine Hundertschaft der Polizei rückt deswegen zu Fuß an, ein Spießrutenlauf durch zahlreiche Gruppen von Castorgegnern hindurch. Vor einem Acker haben sie eine "Volkxküche" aufgebaut, hier gibt es Suppe zum Aufwärmen. Die Polizisten auf den Gleisen müssen sich mit Bananen begnügen.