Der Castor-Transport hat Deutschland erreicht. Der Zug mit elf Atommüllbehältern passierte am frühen Samstagnachmittag bei Kehl die deutsch-französische Grenze.

Vor der Ankunft des Transportes im niedersächsischen Gorleben demonstrierten Tausende Menschen gegen die Atompolitik der Bundesregierung. Zu der zentralen Kundgebung in Dannenberg kamen nach Angaben der Veranstalter mehr als 50.000 Menschen. Die Polizei nannte diese Zahl viel zu hoch und sprach dagegen von mehr als 10.000 Demonstranten.

Der Zug habe um 13.54 Uhr bei Kehl die Grenze passiert, sagte eine Sprecherin der federführenden Polizei in Lüneburg. Der Zug habe nicht in Kehl gestoppt, die Lok werde später ausgewechselt.

In Dannenberg wurde der Transport nach bisherigem Zeitplan am Sonntag erwartet. Bereits kurz nach der Abfahrt in Valonges im Nordwesten Frankreichs hatten Atomkraftgegner sich an die Gleise gekettet und den Transport mehr als drei Stunden lang aufgehalten.

Die Castor-Behälter enthalten insgesamt 154 Tonnen hochradioaktiven Müll aus deutschen Atomkraftwerken, die im französischen La Hague wiederaufarbeitet wurden. Nach der Ankunft im Verladebahnhof in Dannenberg sollen die Behälter auf Tieflader gehievt und das letzte Stück auf der Straße ins oberirdische Zwischenlager Gorleben gebracht werden. Dort wird der Atommüll-Transport nach dem bisherigen Zeitplan am Montagmorgen erwartet.

In Dannenberg forderte Greenpeace-Geschäftsführer Kumi Naidoo die Bundesregierung auf, ihre Energiepolitik zu ändern. Kanzlerin Angela Merkel rief er zu: "Was Sie hierher bringen, ist Tschernobyl auf Rädern. Befreien Sie sich von der Tyrannei des großen Geschäftes."

Nach Angaben der Veranstalter reisten Tausende Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet mit mehr als 400 Bussen zur Kundgebung unter dem Motto "Mit Gorleben kommen sie nicht durch - Rote Karte für Atomkraft!". Hunderte Bauern kamen mit ihren Traktoren nach Dannenberg. Einige Atomkraftgegner kündigten an, mit der Aktion "Castor? Schottern!" entlang der Strecke Löcher ins Gleisbett zu graben .

Merkel warnte die Demonstranten vor Auswüchsen. "Ich sage ausdrücklich, Demonstrieren ist eine der schönsten Freiheiten, die eine freiheitliche Gesellschaft mit sich bringt", sagte sie in Bonn beim Landesparteitag der CDU. Die Proteste müssten aber friedlich bleiben. Was so harmlos daherkomme, wie das sogenannte Entschottern, "das ist keine friedliche Demonstration, sondern eine Straftat".

SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte Merkel auf, nach Gorleben zu fahren und sich gemeinsam mit den vier Chefs der Atomkonzerne der Diskussion mit den Demonstranten zu stellen. "Frau Merkel und ihre vier Freunde sind es, die einen gesellschaftlichen Großkonflikt wieder eröffnet haben, der durch den Atomausstieg längst befriedet war", sagte Gabriel.

Der niedersächsische Verfassungsschutz befürchtet, dass zu den Protesten eine vierstellige Zahl von Demonstranten kommen könnte, die nicht vor Straftaten zurückschrecken. "Wir gehen davon aus, dass einige Hundert gewaltbereite Autonome die Castor-Proteste für ihre Zwecke missbrauchen wollen", sagte der Präsident des niedersächsischen Verfassungsschutzes, Hans-Werner Wargel. Diese Prognose sei etwa doppelt so hoch wie beim bislang letzten Castor-Transport vor zwei Jahren.