Angela Merkel ist sichtlich entspannt, als sie am Dienstagmittag ihr Schlusswort an die Delegierten des 23. CDU-Parteitages richtet. Sie spricht von "zukunftsweisenden Entscheidungen", die auf dem zweitägigen Zusammentreffen ihrer Partei in Karlsruhe gefällt worden seien. Und ganz falsch liegt sie damit nicht.

So hat sich die CDU in Karlsruhe für die Aussetzung der Wehrpflicht ausgesprochen. Eine solche Entscheidung, so folgerichtig sie nach der unsinnigen Verkürzung des Wehrdienstes auf sechs Monate ist, wäre in der Union vor einem Jahr undenkbar gewesen. Auch die Kanzlerin hatte sich vor nicht allzu langer Zeit noch eindeutig zur Wehrpflicht bekannt .

Zufrieden dürfte die Kanzlerin auch sein, die Debatte um das Profil der Christdemokraten fürs Erste beendet zu haben. Ihre Rede war Balsam für die konservative Seele der Partei, ebenso die Beschlüsse des Parteitages, Familien zu stärken und härter gegen "Integrationsverweigerer" vorzugehen.

Belohnt wurde Merkel mit einem soliden Ergebnis bei ihrer Wiederwahl zur CDU-Vorsitzenden. Zwar hätte sie sich wohl auch über ein bisschen mehr als ihre ( nach CDU-Rechnung ) 90,4 Prozent gefreut. Doch hätte es nach dem oftmals unbefriedigenden Regierungsjahr durchaus auch weniger sein können.

Merkel ist auf diesem Parteitag in ihrem Kurs bestärkt worden. Außerdem haben fast alle ihrer Wunschkandidaten für den Vize-Parteivorsitz anständige bis beachtliche Ergebnisse eingefahren. Vor allem ihr neuer Vize Norbert Röttgen punktete mit einer kämpferischen Vorstellungsrede, in der er unter anderem eine offene Diskussion innerhalb der Partei forderte und sich in den Dienst der CDU stellte, der er in "Umbruchzeiten" dienen wolle.

Röttgen stach heraus aus diesem Parteitag, darüber waren sich viele Beteiligte einig. Dass er ein Mann mit Ambitionen ist, hat er unlängst bei der erfolgreichen Kampfkandidatur um den Vorsitz der CDU in Nordrhein-Westfalen bewiesen. Der Umweltminister steht loyal zu Merkel, und doch könnte er sie eines Tages beerben, munkelten einige Delegierte.

Doch die eigentliche "Sternstunde" (Merkel) des CDU-Treffens in Karlsruhe war eine ganz andere. Es war die emotionale, kontroverse und dabei doch stets respektvolle Debatte der Parteimitglieder über die Präimplantationsdiagnostik (PID) .

Mehrere Stunden lang stellten sich die Delegierten am Dienstagmorgen dem heiklen Thema: Wann beginnt das menschliche Leben? Ist es christlich, einem Paar zu verbieten, vor der künstlichen Befruchtung den Embryo auf seine Überlebenswahrscheinlichkeit untersuchen zu lassen? Und zwar gerade dann, wenn aufgrund der Familiengeschichte Erbkrankheiten wahrscheinlich sind?