Seit einem Jahr regiert die CDU mit den Liberalen und der CSU. Inmitten der von stetem Sympathieverlust geprägten Wahlperiode wollen die Christdemokraten nach innerer Geschlossenheit suchen. "Gemeinsam für ein starkes Deutschland" haben sie den 23. Bundesparteitag in Karlsruhe überschrieben, auf dem die etwa 1000 Delegierten aus den Landesverbänden die künftige politische Linie der Partei diskutieren und über wichtige Personalien abstimmen sollen.

Am klarsten dürfte die Entscheidung zum Aussetzen der Wehrpflicht ausfallen. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) stellt seinen Reformplan vor. Die CDU-Spitze rechnet mit einer klaren Mehrheit, obwohl die Wehrpflicht bisher zu den Säulen der Unionspolitik gehörte. Doch bereits auf früheren Konferenzen der Partei und in der CSU gab es Zustimmung zu Guttenbergs Plan, die Bundeswehr grundlegend zu reformieren.

Schon komplizierter ist die Lage beim Thema Präimplantationsdiagnostik (PID). Bundesvorsitzende Angela Merkel fordert ein Verbot der Gentests an Embryonen, wie es auch im Grundsatzprogramm der CDU festgeschrieben ist. CDU-Politiker wie Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, Familienministerin Kristina Schröder halten dagegen eine Zulassung in engen Grenzen für sinnvoll. Dazu liegt ein Antrag von Bundeswirtschaftsstaatssekretär Peter Hintze für eine begrenzte Zulassung der PID vor, den auch Finanzminister Wolfgang Schäuble unterschrieben haben soll.

"Man wird nicht einfach sagen können: Das ist christlich und etwas anderes ist nicht christlich", sagte die CDU-Chefin nach den Gremiensitzungen vor dem Parteitag. "Ich möchte, dass die PID insgesamt nicht erlaubt wird, aber ich habe auch Respekt vor der Meinungsfindung anderer."

Der Bundesvorstand stellt beide Lösungen zur Wahl. Es ist aber auch denkbar, dass der Parteitag keine Entscheidung trifft, um noch einmal Fachleute zu befragen. Merkel verwies bereits auf die Möglichkeit, dass es ähnlich wie bei der Debatte über Spätabtreibungen "nochmal eine Beratung" geben könne. Bei der PID werden im Reagenzglas erzeugte Embryonen auf Erbkrankheiten untersucht, bevor sie in den Mutterleib eingepflanzt werden. Embryonen können aussortiert werden, um etwa Fehlgeburten oder die Geburt eines schwer kranken Kindes zu verhindern.

Unionsfraktionsvize Günter Krings riet seiner Partei, eine Entscheidung nicht zu vertagen. Sonst werde die CDU keine Chance mehr haben, vor einer vielleicht für das Frühjahr geplanten Entscheidung des Bundestags auf einem Parteitag darüber zu befinden, sagte er.

Der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch erinnerte die CDU an den Lebensschutz. Die Politiker müssten für die Würde der Menschen einstehen, "die jedem einzelnen Menschen vom Augenblick der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle in gleicher Weise zukommt und nicht abgestuft werden kann", sagte er in einem ökumenischen Gottesdienst zum Auftakt des Parteitages.

Offiziell gar nicht vorgesehen, aber dennoch unvermeidlich, wird das Thema Steuern und Steuersenkung in der Diskussion eine Rolle spielen. In der Regierung ist man sich weitgehend einig, dass die zu erwartenden Steuer-Mehreinnahmen zunächst die Staatsschulden mildern sollen. Doch nicht nur in der FDP, auch aus der CDU heraus gibt es Druck, die Bürger schneller wirksam zu entlasten. Die regional Verantwortlichen fürchten angesichts der desaströs niedrigen Umfragewerte für die Regierungskoalition, vom Wähler nicht mehr ernst genommen zu werden.

So drohten Finanzpolitiker der Partei am Sonntag, einen Initiativantrag einzubringen , der eine umfassende Vereinfachung des Steuersystems zum Ziel hat. Sie wollen an die Mehrwertsteuersätze ran und den Spitzensteuersatz. Interne Kritik gibt es auch an dem dafür zuständigen Finanzminister Schäuble. Hinter vorgehaltener Hand ist zu hören, der auch gesundheitlich geschwächte Schäuble sei höchstens noch bis Weihnachten im Amt.

Die Kanzlerin und weitere CDU-Spitzenfunktionäre gaben ihm in den letzten Tagen demonstrativ Rückendeckung . Er werde mit einem sehr guten Ergebnis wieder ins Präsidium gewählt, sagte Merkel am Sonntagabend. Eine Kabinettsumbildung sei Unfug. "Ich bin gerne die Bundeskanzlerin mit einem Finanzminister Wolfgang Schäuble und er ist gerne Finanzminister. Und dabei bleibt es." CSU-Chef Horst Seehofer sagte vor einer CSU-Vorstandssitzung in München, Wolfgang Schäuble habe "meine volle Solidarität und die Unterstützung der CSU".

Auf der Tagesordnung steht aber auch die Wahl der Parteiführung. Parteichefin Angela Merkel stellt sich zum fünften Mal zur Wiederwahl. Vor zwei Jahren hatte sie knapp 95 Prozent der Stimmen erhalten. Neu für das höchste Führungsteam kandidieren Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, Umweltminister Norbert Röttgen und Hessens Regierungschef Volker Bouffier. Sie treten für den früheren niedersächsischen Regierungschef und jetzigen Bundespräsident Christian Wulff, den NRW-Wahlverlierer Jürgen Rüttgers und Bouffiers Vorgänger Roland Koch an, die nicht mehr als Stellvertreter kandidieren.