Thomas de Maizière ist gerade ein gefragter Gast in den Talkshows. Sonntagabend bei Anne Will , Montagabend bei Beckmann . Überall soll der Bundesinnenminister erklären, was das denn nun bedeutet, seine ungewohnt deutliche Warnung vor Anschlägen in Deutschland. Ob man denn jetzt noch Glühwein trinken könne auf deutschen Weihnachtsmärkten? Oder mit der Bahn fahren.

Für de Maizière sind die vergangenen Wochen, die Paketbomben aus dem Jemen , die Hinweise auf geplante Anschläge in Deutschland und der vermeintliche Sprengstoff-Fund in Namibia eine Bewährungsprobe gewesen. Ein Innenminister kann in einer so angespannten Situation leicht Fehler machen. Hysterie schüren, anstatt aufzuklären. Oder so oft von Terrorgefahr reden, bis ihm keiner mehr zuhört.

Da sitzt er also, wie immer im dunklen Anzug und mit gedeckter Krawatte in den Fernsehstudios, und tut das, was er tun muss: Mit ernstem Gesicht vor der Gefahr warnen, gleichzeitig Vertrauen ausstrahlen und das Gefühl vermitteln, er betreibe weder Aktionismus, noch unterschätze er die Gefahr.

Natürlich, sagt er auf die Frage einer Zuschauerin bei Anne Will , solle sie ihren Weihnachtsurlaub nicht absagen und wie geplant mit dem Zug anreisen. Es ist ein Spagat für de Maizière. Denn der 56-Jährige gilt als besonnener Kopf . Bisher hielt er sich mit Terrorwarnungen bewusst zurück. Zu Beginn seiner Amtszeit habe er sich vorgenommen, nur dann und wann auf die damals noch "abstrakte Gefahr" von Anschlägen hinzuweisen, sagt er bei Beckmann. Doch nun gab es sehr klare Hinweise – und er musste reagieren.

Für seinen Umgang mit dieser neuen Situation ist der Minister zuletzt auch von der Opposition gelobt worden. Er sei froh, dass de Maizière "die momentane Sorge vor Terroranschlägen nicht zur parteipolitischen Kampagne nutzt", sagte Grünen-Chef Cem Özdemir gestern. Das ist auch insofern beachtlich, als dass die Grünen derzeit wenige positive Worte über die CDU finden. "Hier ist die richtige Mischung gefunden worden in der Sprache", lobte auch der Chef der deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt.

Zuspruch von zwei so gegensätzlichen Seiten, das ist einem deutschen Innenminister schon lange nicht mehr passiert. De Maizières Vorvorgänger Otto Schily war aufgrund seiner harten Linie oft selbst der eigenen Regierungskoalition suspekt, und Wolfgang Schäuble war Liberalen und Grünen ein stetes Feindbild, weil er seine Terrorwarnungen fast immer mit Forderungen nach schärferen Gesetzen verknüpfte.

Thomas de Maizière hat dieser Versuchung bislang stets widerstanden. In diesem Sinne ist er ein unpolitischer Innenminister, seine zurückhaltende Linie ist ihm wichtiger als die Befindlichkeiten in seiner Partei. Er will abgeklärt bleiben, selbst wenn die Gefahr eines Anschlags nun weitaus größer ist als zu Zeiten seiner Vorgänger. Zu seiner Pressekonferenz in der vergangenen Woche, auf der er vor einem möglicherweise bevorstehenden Anschlag warnte, lud er die Journalisten erst 90 Minuten vor Beginn ein. De Maizière wollte verhindern, dass die Medien Zeit haben, stundenlang über den Grund der Einladung zu spekulieren.

Von "sehr konkreten Spuren und Ermittlungsansätzen" sprach de Maizière, denen zufolge "Ende November mit Anschlagsversuchen in den USA und Europa" zu rechnen sei. Schwer bewaffnete Polizisten würden ab sofort deutsche Bahnhöfe und Flughafen bewachen, die Deutschen sollten sich aber nicht in Panik versetzen lassen. Mögliche Ziele nannte der Minister nicht.