Die Tagesordnung war am späten Samstagabend fast durch, als es beim Bundesparteitag der Grünen zu einer kleinen Revolte kam. Und das nach zwei Tagen betonter Harmonie.

Mit einer knappen Mehrheit sagten die Delegierten Nein zu den Olympischen Winterspielen in München. 289 Delegierte stimmten dem Antrag gegen die Bewerbung der bayrischen Landeshauptstadt für die Spiele im Jahr 2018 zu. 244 Delegierte waren dagegen und immerhin 70 enthielten sich.

Das ist unter anderem pikant, weil Parteichefin Claudia Roth im Kuratorium der Bewerbergesellschaft sitzt. Der Bundesvorstand der Grünen einigte sich in der Folge darauf, sich aus dem Kuratorium zurückzuziehen. "Ich arbeite nicht mehr mit. Das zur Information und Beruhigung", sagte Roth am Sonntagmorgen vor dem Beginn der letzten Sitzung des Parteitages ins Plenum. Weiter äußerte sie sich nicht.

Noch am Vortag hatte Roth sich gegen kritische Fragen aus der Basis für Olympia in München stark gemacht. Sie wolle sich im Kuratorium doch gerade dafür einsetzen, dass bei der Olympiabewerbung grüne Inhalte gewahrt würden, sagte Roth. Aber es half nicht. Die Parteibasis folgte dem Antrag von einzelnen Vertretern bayerischer Grünen, aber auch aus anderen Bundesländern.

Darin wird bemängelt, dass das Münchner Bewerbungskonzept dem Versprechen von "klimaneutralen", "nachhaltigen" und "ökologisch beispielhaften" Spielen nicht gerecht werde. Die Antragssteller kritisieren auch, dass das Konzept ihrer Meinung nach zu teuer ist. Das Internationale Olympische Komitee sei zudem bekannt für seine fehlende Transparenz.

Antragsteller Ludwig Hartmann, der Abgeordneter des bayerischen Landtages ist, sagte zu ZEIT ONLINE, er habe sich daran gestoßen, dass die Grünen in den Bewerbungsunterlagen als Befürworter der Olympiabewerbung genannt würden. Außerdem sei es ärgerlich, dass Roth im Kuratorium gesessen habe, obwohl es im bayerischen Grünen-Landesverband doch viele Gegner der Olympia-Bewerbung gebe. Zwei Jahre lang habe er daher versucht, das  Thema im Bundesvorstand oder im Parteirat auf die Tagesordnung zu bringen und sei immer gescheitert. Daher habe er nun den Antrag an den Parteitag gestellt.

Ein Sprecher der Grünen wies diese Darstellung gegenüber ZEIT ONLINE zurück. Der Bundesvorstand habe ausführlich über das Thema beraten und daraufhin Claudia Roth als Vertreterin der Partei in das Kuratorium entsandt, sagte er. In dem 26-köpfigen Kuratorium sitzen auch Außenminister Guido Westerwelle (FDP), Innenminister Thomas de Maizière (CDU) und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier,

  Antragsteller Hartmann warf dem Grünen-Parteivorstand weiter vor, vor der Abstimmung "massiven Druck" ausgeübt zu haben, das Thema von der Tagesordnung zu nehmen. "Es heißt immer, wir Grünen sollen trotz der guten Umfragewerte weiter um Inhalte streiten. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht nur noch Parteitagsdebatten zu Konsensthemen führen", sagte er mit Blick auf den bis dato sehr harmonischen Verlauf des Delegiertentreffens.

Hartmann zeigte sich auch verärgert über die Reaktion der politischen Geschäftsführerin der Grünen, Steffi Lemke, auf das Abstimmungsergebnis. Lemke hatte noch am Samstagabend auf die 70 Enthaltungen bei der Entscheidung verwiesen. Faktisch habe also eine Mehrheit der Delegierten dem Antrag gegen Olympia 2018 nicht zugestimmt, sagte das Grünen-Vorstandsmitglied. Die Parteiführung erkenne das Nein gleichwohl an, verstehe das Abstimmungsergebnis aber auch als Hinweis, das noch vermehrter Diskussionsbedarf zu dem Konzept bestehe. Lemkes Äußerungen sorgten auch bei anderen Delegierten für Missmut. Sie könne doch nicht einfach einen Parteitagsbeschluss in Frage stellen, hieß es.

Am Sonntagmorgen sagte Lemke vor Journalisten, die Abstimmungsniederlage werde die Parteiführung noch weiter beschäftigen. "Die Grünen haben den Mut, kontrovers zu diskutieren. Da müssen wir auch Ergebnisse in Kauf nehmen, die der Parteispitze nicht gefallen", sagte Lemke. "Klar ist aber auch: Wir wollen regieren und Verantwortung übernehmen."

Lemke verwies erneut auf die hohe Zahl der Enthaltungen und betonte, viele Grüne seien mit der Entscheidung überfordert gewesen. Ähnlich hatten sich auch Delegierte geäußert.

Eine Grünen-Aktivistin aus Norddeutschland sagte, sie habe zuvor noch nie etwas über eine Kontroverse der Partei über die Olympia-Frage vernommen. Das erkläre vielleicht auch die vielen Enthaltungen. "Wegen unserer guten Umfragewerte stehen wir unter verschärfter Beobachtung. Wenn wir jetzt abends um zehn mit einer Hoppla-Hopp-Entscheidung die Olympia-Bewerbung gegen den Willen unserer Führung kappen, wie sehen wir denn da aus", sagte die Delegierte: "Dann sagt doch jetzt wieder jeder, man kann uns nicht ernstnehmen."