ZEIT ONLINE : Aber gerade der Atomausstieg könnte mittelfristig zu höheren Strompreisen führen. Und damit auch zu bitteren Mehrbelastungen für ärmere Menschen.

Schilling : Ich glaube, wir Grüne haben in dieser Frage eine hohe Sensibilität. Wir wissen, dass wir uns nicht nur den Ökostiefel anziehen können und dabei nicht auf die sozialen Probleme achten. Es geht uns nicht um Öko für einige, sondern um Öko für Alle. Für mich ist daher klar: Wenn durch einen Volleinstieg in die Erneuerbaren Energien die Preise für Strom vorübergehend steigen sollten, dann müssten wir auch dafür sorgen, dass beispielsweise die Hartz-IV-Sätze um den entsprechenden Betrag angehoben würden.

ZEIT ONLINE : Inwieweit sind die Grünen die neue bürgerliche Partei der Mitte?

Schilling: Wenn es darum geht, bürgerlich zu sein im Sinne von sich einmischen und Verantwortung übernehmen, sind wir eine bürgerliche Partei. Aber wir sind keine angepasste Partei. Das sieht man doch schon daran, dass CDU und FDP uns vorwerfen, dass unsere Mitglieder den Castor-Transport auf Straße und Schiene blockieren. Ich habe nicht den Eindruck, dass das bei uns jemanden stört, das Grüne dies tun.

ZEIT ONLINE : Ihr politisches Hauptthema ist ja die grüne Wirtschafts- und Sozialpolitik. Warum?

Schilling : Wirtschaftspolitik ist ein zentrales Feld der Politik, und damit auch der grünen Politik. Wirtschaftspolitik muss immer in Verbindung mit Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit gesehen werden. Es muss auch klar sein: Wir Grüne wollen mehr Solidarität. So plädiere ich wie viele Grüne für einen höheren Spitzensteuersatz und eine höhere Beitragsbemessungsgrenze im Gesundheitswesen. Ich will, dass sie auf 5500 Euro angehoben wird. Das würde auch dazu führen, dass wir die Beiträge zur Krankenversicherung für kleine und mittlere Einkommen stärker senken könnten. Das werden wir heute zum Abschluss des Parteitages diskutieren. Natürlich würde das auch manche belasten, die uns wählen. Aber das ist der Unterschied zwischen uns und der FDP. Wir machen keine Klientelpolitik.

ZEIT ONLINE : Sie haben sich gestern um den Einzug in den Grünen-Vorstand beworben, sind Malte Spitz knapp unterlegen. Spitz, der schon im Vorstand war, erreichte 53,9 Prozent der Stimmen. Sind Sie enttäuscht?

Schilling : Natürlich, man tritt an, weil man gewinnen will und Verantwortung übernehmen will. Es war fairer Wettstreit und es gab die Wahl zwischen zwei guten Kandidaten. Und das gehört zur Politik eben dazu, dass man eine demokratische Wahl verliert. Als Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Wirtschaft und Finanzen werde ich mich sicher programmatisch weiter einbringen.

Mit Stephan Schilling sprach Lisa Caspari