Sie haben ihm den Ballsaal im Hotel Adlon reserviert, und Proteststürme hat der Mann im dunklen Anzug hier nicht zu befürchten. Im Gegenteil. Der Chef des Verbands der deutschen Industrie hat den "lieben Philipp" gerade als Hoffnungsträger gepriesen. Doch Philipp Rösler steht starr am Eingang, lächelt nicht mal.

Und begibt sich, bevor er zum Podium eilt, in die Gegenwindposition. Zieht die Schultern hoch, den Kopf ein, bringt ihn in die Schräge, Oberkörper nach vorn – und los. Es wäre die ideale Körperhaltung, um auf einem Nordseedeich voranzukommen, Windstärke acht bis neun. Im Mantel hätte er noch den Kragen hochgeschlagen.

Gesundheitsminister, das wusste Rösler schon, bevor er es richtig zu spüren bekam, ist kein Schönwetterposten.

Die folgende Rede übrigens war brillant. Der FDP-Politiker hat sie, vor und nach diesem Abend im März, dutzende Male gehalten, nur minimal abgewandelt. Sie handelt von seiner Vision eines besseren Systems, von mündigen Patienten und motivierten Medizinern, der Versöhnung von Wettbewerb und Solidarität. Daran hat sich nichts geändert. Neu ist nur, dass Rösler jetzt immer anfügt, dass er "Realist" geworden sei. Und dass es mit der schönen neuen Gesundheitswelt wohl doch ein wenig länger dauern werde.

Wie war das gleich noch mit dem Bambus? "Er wiegt sich im Wind, er biegt sich im Sturm, doch er bricht nicht." Der 37-Jährige hat recht behalten mit seiner eigentümlichen Selbstbeschreibung, er ist immer noch Gesundheitsminister. Nur – in seiner Einkapselung, den immer gleich abgespulten Worthülsen wirkt er auf viele längst wie ein Gebrochener.

Monatelang hatte sich der Minister regelrecht verbunkert. Und was er jetzt sagt, klingt nach tonnenschwerer Erleichterung. Er habe "die Pflicht" absolviert, sei darin "bis zum Äußersten" gegangen, könne nun "die Kür" folgen lassen. Heute und morgen beschließt der Bundestag seine Reformgesetze. Die CSU macht mit, den Bundesrat hat man umgehen können. Ein Erfolg, keine Frage.

Doch die Schäden der Vergangenheit sind zu besichtigen. Überzeugungsarbeit hat kaum stattgefunden, vor allem nicht emotional. Kalt und "mechanisch" habe Rösler in seinen wenigen TV-Auftritten gewirkt, sagt ein Fernsehmann. Journalisten wurden abgefertigt und bekamen ausgerichtet, dass man ihre kritische Haltung nicht billigen könne. Und im eigenen Haus ist die Stimmung miserabel. Ihre Kompetenz werde nicht abgerufen, klagen Mitarbeiter. Der Chef und sein Zirkel misstrauten nach wie vor einem Großteil des langjährigen SPD-Ministeriums.

Auch in der Koalition bis zum letzten Tag Verkrampfung. Debatten im Bundestag geraten zu Defensivveranstaltungen. Die Redner thematisieren selber den Vorwurf der Klientelpolitik und weisen ihn umso empörter zurück. Röslers Staatssekretär hält es für nötig, sich von der Abgeordnetenreihe aus als Zwischenrufer zu betätigen. Im Ausschuss ufert der Streit um die Arzneibewertung derart aus, dass die Union geschlossen den Saal verlässt. Ein Änderungsantrag jagt den nächsten. Und kurz vor Toresschluss jammern die Koalitionsexperten noch öffentlich über eine Gerechtigkeitslücke im eigenen Gesetz , die man später beseitigen müsse.

Der Minister scheint in all dem seltsam unbeteiligt. Ein staunender Zuschauer seines eigenen Geschicks. Was haben sie ihn beim Ärztetag gefeiert, damals im Mai, als er das mit dem Bambus erstmals von sich gab. Inzwischen ist das Medizinerurteil vernichtend.

Laut Ärztezeitung sind 92 Prozent schwer enttäuscht . 72 Prozent geben Rösler die Note Mangelhaft, 14 Prozent ein Ausreichend. Auch andere Sympathisanten schmollen. Die Apotheker sehen sich "abkassiert". Die Pharmahersteller, denen der Minister Milliarden abgetrotzt hat, braucht man gar nicht zu fragen. Und die Arbeitgeber sind wütend, weil Rösler ihnen nicht gleich die Beiträge einfriert, sondern erst nochmal erhöht.