Vergangene Woche im Bundesfinanzministerium: Die Pressekonferenz zum Ergebnis der Steuerschätzung ist angesetzt. Weil den wartenden Journalisten nach der Begrüßung die schriftliche Zusammenfassung noch nicht vorliegt, rüffelt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble vor aller Ohren seinen obersten Kommunikator, er solle jetzt nicht reden, sondern die Unterlagen verteilen.

Es bleibt nicht die einzige Schmähung dieser Art, Schäuble lässt weiteren Spott folgen. Schließlich bezichtigt er Offer indirekt permanenter Unfähigkeit: "Sorry! Ich hatte Ihnen die Wette angeboten, Sie werden sie nicht verteilt haben." Wenige Sätze später verlässt er die Pressekonferenz sogar – für 20 Minuten – um die Verteilung der Papiere abzuwarten.

Offer blieb ruhig und sachlich, er ertrug die Häme seines Chefs mit Geduld. Doch die gemeinsame Arbeitsgrundlage ist durch den Vorfall zerstört, wie ein Brief Offers zeigt, aus dem die Nachrichtenagentur Reuters zitierte. Der Gedemütigte schrieb an den Minister, ihm sei deutlich geworden, dass er nicht dessen volles Vertrauen genieße. "Ich erkläre damit meinen Rücktritt als Ihr Sprecher und bitte um Zuweisung einer neuen Aufgabe", heißt es wörtlich.

Schäuble bestätigte die Meldung. Offer habe ihn gebeten, ihn von seiner Funktion als Sprecher zu entbinden, sagte er. "Diesem Wunsch habe ich heute entsprochen." Er dankte Offer für seinen Einsatz und seine Loyalität.

Das öffentliche Bloßstellen Offers sorgte auch beim Koalitionspartner FDP sowie in der Opposition für Kritik. Der FDP-Fraktionschef im Kieler Landtag, Wolfgang Kubicki, kommentierte: "Der Mann steht unter Drogen." – sehr zum Ärger seines Parteichefs Guido Westerwelle. Carsten Schneider, der haushaltspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion sprach von "schlechtem Stil, Mitarbeiter derart bloßzustellen".

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sah dagegen keinen Anlass, am Arbeitsstil ihres Budget-Chefs zu zweifeln. Am Wochenende hatte Schäuble Spuren dann von Bedauern gezeigt: "Bei aller berechtigten Verärgerung habe ich vielleicht überreagiert."

Unions-Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier (CDU) nahm Schäuble am Dienstag in Schutz. Er selbst sei vier Jahre lang in dessen Ministerium Parlamentarischer Staatssekretär gewesen, sagte er. Schäubles Umgangsformen seien in dieser Zeit "immer von großem gegenseitigen Respekt geprägt gewesen" und hätten sich sehr wohltuend von dem abgehoben, was bisweilen von anderen Ministern zu hören gewesen sei.

Der Aufritt Schäubles entwickelte sich im Internet zu einem Renner. Allein auf dem Videoportal YouTube wurde der Auftritt mehrere hunderttausendmal abgerufen.