Der Schlichter im Streit um den Stuttgarter Hauptbahnhof, Heiner Geißler , will in seinem für Dienstag angekündigten Schlichterspruch anregen, Auswüchsen bei der Grundstückspreisentwicklung vorzubeugen. "Mein Votum wird auch stark davon abhängen, ob die zu bebauenden Grundstücksflächen bis zum Jahr 2020 vor Immobilienspekulation geschützt werden können", sagte Geißler der Frankfurter Allgemeinen Zeitung . Durch die geplante Tieferlegung des Stuttgarter Hauptbahnhofs sollen rund 100 Hektar frei werden, auf denen bislang die Gleise des Kopfbahnhofs verlaufen. Dort solle ein ökologisch vorbildlicher Stadtteil entstehen.

Geißler kündigte an, dass sein Vorschlag zur Schichtung des Streits zwischen Gegnern und Befürwortern des Bahnhofsprojektes möglicherweise Nachbesserungen am ursprünglichen Konzept der Bahn enthalte. Dies könne zu abermaligen Mehrkosten führen.

"Ich habe ein umrissenes Bild, eine Skizze", hatte Geißler am Rande einer Preisverleihung in Mainz am Mittwochabend gesagt. Ob sein Spruch zu dem umstrittenen Bahnprojekt dann konsensfähig sei, wisse er nicht. Klar sei von Anfang an gewesen: "Ich konnte keinen neuen Bahnhof erfinden." Aber, der 80-Jährige zeigte sich überzeugt: "Es gibt schon die ein oder andere Lösung" – mehr könne er noch nicht verraten. 

Geißler sprach sich im Gespräch mit der FAZ für eine stärkere Einbindung der Bürger in Großprojekte aus. "Es sollte zu Beginn der Planung von Großprojekten ein bürgerdemokratisches Verfahren geben, bei dem auch die Diskussion über Alternativen zugelassen ist", sagte der ehemalige CDU-Generalsekretär.

Planfeststellungsverfahren seien die "bürokratischste Form der Demokratie", die Bürger könnten nur Einspruch gegen den vorgelegten Plan vorlegen. "Das können sie auch in einer Diktatur so machen." Eine Schlichtung nach dem Abschluss aller demokratischen und gerichtlichen Verfahren, wie sie jetzt in Stuttgart stattgefunden habe, müsse die Ausnahme bleiben.

Geißler kritisierte erneut die etablierte Politik. Viele Menschen hätten das Gefühl, dass die Politik nur noch auf die Wirtschaft reagiere. Der "allgemeine Vertrauensverlust" der Bürger in das Wirtschaftssystem sitze "sehr tief".

Am Dienstag treffen sich Befürworter und Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 und der geplanten Neubautrasse nach Ulm zum voraussichtlich letzten Mal im Stuttgarter Rathaus. Zuvor trifft sich die Runde erneut: Am heutigen Freitag und am Samstag steht die Wirtschaftlichkeit des Projektes auf der Tagesordnung. Der Tiefbahnhof soll laut Bahn 4,1 Milliarden Euro kosten, seine Anbindung über eine Schnellbahnstrecke an Ulm 2,9 Milliarden Euro. Kritiker rechnen mit weit höheren Kosten.