Wenn Guido Westerwelle über politische Führung spricht, gebraucht er gern Metaphern aus der Welt der Seefahrer. "Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt’s einen der die Sache regelt", rief er im Mai 2001 den Delegierten auf dem Parteitag der FDP zu. Damit meinte er sich selbst. Er war gerade frisch zum Parteichef gewählt worden, nachdem er seinen Vorgänger, den glücklosen Wolfgang Gerhard, aus dem Amt gedrängt hatte.

Nun, fast zehn Jahre später, begibt sich Westerwelle erneut auf dieses semantische Feld: Er werde "das Deck" nicht verlassen, "wenn es stürmt", sagte er der Bild am Sonntag in seinem ersten größeren Interview seit längerem. Man kann das getrost als Kampfansage an seine zahlreichen Kritiker verstehen, die Westerwelle einen Verzicht auf das Amt des Parteivorsitzenden nahe gelegt haben.

Dem FDP-Chef, den die CSU schon als "Leichtmatrosen" verspottet hat, weht seit einigen Wochen ein rauer Wind entgegen. Die Partei ist in den Umfragen binnen eines Jahres von 15 auf fünf Prozent eingebrochen. Etliche FDP-Politiker machen dafür den Außenminister und Parteichef verantwortlich . Was zunächst hinter vorgehaltener Hand geschah, dringt nun an die Öffentlichkeit: In Baden-Württemberg kursiert ein offener Brief, in dem Westerwelles Rücktritt gefordert wird. Der rheinland-pfälzische Spitzenkandidat verbat sich Auftritte Westerwelles in seinem Wahlkampf.

Nun wurde bekannt, dass auch der hessische Landesverband Westerwelle zum Rücktritt bereits aufgefordert hat. Auch in Hamburg, Sachsen-Anhalt, Bayern und Schleswig-Holstein wagen sich die Kritiker aus der Deckung. Laut Spiegel macht sich ein namentlich nicht bekannter "Mister X" bereit, im Mai auf dem nächsten Parteitag Westerwelle in einer Kampfkandidatur herauszufordern.

Bevor die Kritiker ihn nun tatsächlich von der Planke stoßen, hat Westerwelle an diesem vierten Adventswochenende die Gegenoffensive gestartet. In der Bild am Sonntag erinnert er daran, dass er als Parteichef "insgesamt zehn erfolgreiche Jahre für die FDP" zu verantworten habe. Phasen mit schwachen Umfragewerten habe seine Partei schon öfters erlebt. Entscheidend seien aber die Wahlen, sagt Westerwelle. Und da sei er zuversichtlich, dass die FDP sich im Frühjahr berappeln werde. Schließlich könnten die "bürgerlichen Wähler" eine "Linksregierung" am besten verhindern, indem sie seine FDP wählten.

Indirekt verknüpft er so seine Zukunft mit den Landtagswahlen im Frühjahr, ganz so wie seine Kritiker. In den Bundesländern, in denen gewählt wird, werden die Spitzenkandidaten ihn verantwortlich machen, sollten sie aus den Landtagen herausfliegen. Um die grassierende Anti-Stimmung gegen sich nicht noch anzuheizen, ließ er es in dem Interview offen, ob er beim nächsten FDP-Parteitag im Mai wieder antreten wird. Kritiker wie Parteichef sind sich offenbar in einem einig: Nach den Wahlen wird abgerechnet.

Festnageln lassen will sich Westerwelle aber nicht auf einen direkten Zusammenhang zwischen dem Wahlergebnissen in Stuttgart und Mainz und seinem Verbleib auf der FDP-Brücke: An einen "Rückzug" habe er bisher nicht gedacht, sagt er im Interview. Wohl aber habe er viel "über unsere Lage nachgedacht" und darüber, "wie wir sie im nächsten Jahr zum Guten wenden können". Er räumt ein, "Fehler" gemacht zu haben. Am Anfang habe die Regierung mit Blick auf die NRW-Wahl zu wenig gehandelt, "nicht genug geliefert", wie er es nennt.   

Und dann wendet er sich frontal an seine Kritiker. Auch, so der Subtext, das ständige Herumnölen der Wolfgang Kubickis und Jörg-Uwe Hahns sei verantwortlich für das schlechte Außenbild, das die FDP derzeit abgebe. Er könne die "Sorgen" mancher Parteifreunde zwar "gut verstehen", sagt Westerwelle. Aber "bei einigen öffentlichen Wortmeldungen" könne er nicht erkennen, "wie sie für unsere FDP hilfreich sein sollen".