Ein Glück für Guido Westerwelle, dass sich Wolfgang Kubicki in seiner Kritik zu dem Quatsch mit der DDR hat hinreißen lassen. Indem der schleswig-holsteinische FDP-Chef die Lage seiner Partei mit der Spätphase des diktatorischen Staats verglichen hat, bot er seinen innerparteilichen Gegnern einen dankbaren Aufhänger, seine Äußerungen empört zurückzuweisen.

Brüderle, Lindner, Bahr, sie alle stützten sich in ihren Reaktionen auf Kubicki fast ausschließlich auf eben diese kurze DDR-Passage. Mit gewissem Recht nannten sie den Westerwelle-Kritiker einen Profilneurotiker und notorischen Stänkerer, dem kein Vergleich zu abstrus sei, um seine persönlichen Rechnungen zu begleichen. Das war absehbar.

Interessanter ist deshalb, was sie nicht sagten: Niemand verteidigte Westerwelle explizit, kaum jemand äußerte sich zu den übrigen zweieinhalb Seiten des Kubicki-Interviews. Und das hat einen einfachen Grund: Die Brüderles und Lindners in der FDP wissen sehr genau, dass Kubicki mit seiner Kritik nicht völlig daneben liegt.

Tatsächlich ist die Partei in einem "desolaten Zustand". Tatsächlich steht sie seit Monaten unter Dauerbeschuss und eine "Strategie zur Besserung" ist nicht erkennbar. Tatsächlich verlassen die FDP die Mitglieder nun wieder, die sie in den vergangenen Boom-Jahren hinzugewonnen hat. Tatsächlich ist vielen an der Basis die eigene Führung peinlich, die sich "abschottet" und sich viele Flops erlaubt hat. Oft reichen schon Stichwörter, um den einfachen FDP-Funktionär in Rage zu bringen: Hotel, Maulwurf, Reisebegleiter, Steuersenkung.

Die Kubicki-Kritik ist nicht neu. Man hört sie vielerorts an der Basis, meist hinter vorgehaltener Hand. Von Kiel bis München fürchten die liberalen Anhänger, dass unter der derzeitigen Führung eine Trendwende nicht mehr möglich ist. Sie geben Kubicki insgeheim Recht, dass Frau Homburger als Fraktionschefin bislang kaum in Erscheinung getreten ist. Und dass Westerwelle als der unbeliebteste Außenminister in der Geschichte der Bundesrepublik eine Fehlbesetzung ist. Nicht mal mehr Ressortkollegen ("irreparabel beschädigt") oder die wichtigsten Verbündeten ("No Genscher") nehmen ihn ernst.

Und vor allem fürchten die FDP-Anhänger und Funktionäre die Wahlen im kommenden Frühjahr. Gut möglich, dass die Partei ihre langjährige Regierungsbeteiligung in Baden-Württemberg verliert. Bei der letzten Wahl erzielte sie im Ländle noch fast elf Prozent. Diesmal muss sie, den Umfragen seit Monaten zufolge, um den Wiedereinzug in den Landtag bangen. Ähnlich sieht es in ihrem anderen traditionellen Stammland Rheinland-Pfalz aus. Hier werden sich vermutlich die grünen Erzfeinde den Koalitionspartner aussuchen können, während die FDP bei fünf Prozent in den Umfragen liegt. Noch ärger ist die Lage in Sachsen-Anhalt und Hamburg, wo ebenfalls im Frühjahr gewählt wird.

Kubickis DDR-Vergleich ist lächerlich. Seine Einschätzung aber, dass die FDP "nicht mehr lange" tatenlos zusehen werde, bis alle Anhänger "weg sind", ist es nicht. Im Mai auf dem Bundesparteitag in Rostock steht Westerwelles Wiederwahl an. Dass er freiwillig verzichtet, ist nicht zu erwarten. FDP-Chef und Außenminister, auf diese beiden Jobs hat Westerwelle sein Leben lang hingearbeitet. Dass er sie bislang vergeigt hat, wird ihn nicht daran hindern, so lange es geht, um sie zu kämpfen.

Doch wenn bis zum Parteitag ein paar krachende Wahlniederlagen zusammengekommen sind, könnte es durchaus zum Putsch kommen, zu dem die Frankfurter Allgemeine Zeitung den Partei-Nachwuchs am Freitag in einem bemerkenswerten Leitartikel aufforderte.

Gefährlich für Westerwelle ist weniger Kubicki. Gefährlich sind die, die an diesem Wochenende geschwiegen haben. Zwar gehört es zum Flüsterschnack in der FDP seit langem, dass Westerwelle deshalb unangefochten sei, weil es keine Alternative zu ihm gebe, die sich aufdränge. Und tatsächlich drängt derzeit noch keiner der Röslers, Dörings, Frickes, Bahrs oder Vogels an die Spitze der Partei. Aber irgendwann könnten sie sich genötigt fühlen, dem Ruf der FAZ und Kubickis zu folgen.