Die FDP ist ein herzlich illoyaler Verein. Klammert man die SPD in ihrem vergangenen Krisen-Jahrzehnt aus, gibt es in Deutschland keine andere Partei, die einen derart hohen Verschleiß an Führungspersonal hat. Das hängt damit zusammen, dass sich die Anhänger der FDP nicht als treue Parteisoldaten verstehen, sondern traditionell als freigeistige, aufgeklärte Individualisten. Der politische Liberalismus misstraut traditionell kollektiven Organisationen und disziplinierenden Aktionen.

CDU und SPD verfügten lange Zeit über ideologische Glaubenssätze, dank derer sie Geschlossenheit vergleichsweise einfach herstellen konnten. Die FDP dagegen verstand sich als genuin diesseitige Vereinigung, in der es eine zweite Loyalitätsschicht aus Tradition und Organisationsstolz nie gegeben hat. "Liberale Parteiführer turnen ohne Netz", schrieb daher schon 2005 der Göttinger Parteiforscher Franz Walter. Bei den Liberalen zählen allein Wählerprozente und Regierungsbeteiligung als messbare Erfolge.

Kein Wunder also, dass sich FDP-Funktionäre in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen und Schleswig-Holstein in diesen kalten Tagen an dem Gedanken erwärmen, Guido Westerwelle den Laufpass zu geben . So wie man weiland auch schon Franz Blücher, Erich Mende oder Klaus Kinkel aus dem Amt gemobbt hat.  

Denn: Trägt nicht tatsächlich Westerwelle die größte Schuld am Niedergang der FDP? Haben die Hahns und Kubickis nicht schlicht Recht, wenn sie Westerwelle vorhalten, dass er nach inzwischen 14 Monaten immer noch keinen Erfolg als Außenminister und Vizekanzler vorzuweisen hat? Hat nicht er seine Ziele, die er in Oppositionszeiten vollmundig beworben hat, in Regierungsverantwortung nicht durchsetzen können (Steuersenkung, Bürokratieabbau)? Hat nicht er seinen Generalsekretär zum Entwicklungshilfeminister gemacht, obwohl der das Ministerium abschaffen wollte? Hat nicht er einen Maulwurf als Büroleiter beschäftigt?

Man könnte noch ein paar Abschnitte weiterschreiben. Noch mehr Fehler und Versäumnisse Westerwelles ließen sich auflisten. Insofern ist die Analyse sicher nicht verkehrt, dass Westerwelle für den Abschwung seiner Partei von 15 auf fünf Prozent die Hauptschuld trägt. Noch nie war ein Außenminister der Bundesrepublik so unbeliebt, noch nie hat ein Parteichef eine derart blendende Ausgangslage so schnell verspielt.

Aber, so muss man Hahns und Kubickis entgegenhalten, was würde die FDP durch eine sofortige Ablösung Westerwelles gewinnen? Wenig, bis gar nichts. Schließlich funktioniert ein Putsch nur, wenn man einen Nachfolger hat, der von einer Mehrheit akzeptiert wird. Scharping konnte nur gestürzt werden, weil Lafontaine bereits mit den Füßen scharrte. Westerwelles Vorgänger Wolfgang Gerhard wäre länger im Amt geblieben, hätte nicht ein ungeduldiger Generalsekretär namens Guido Westerwelle an seinem Stuhl gesägt.

Ein solcher Hoffnungsträger ist aber bei der FDP im Winter 2010 nicht in Sicht. Der in der Presse am häufigsten genannte Kandidat, Wirtschaftsminister Rainer Brüderle, ist 16 Jahre älter als Westerwelle. Vor nicht allzu langer Zeit wurde er öffentlich wie intern noch als Auslaufmodell und Weinkönig verlacht. Würde der Pfälzer nun Westerwelle als Parteichef ablösen, könnte man die Uhr danach stellen, wann er wieder zu Deutschlands meist verspotteten Politiker herunter geschrieben wird.