ZEIT ONLINE: Herr Güllner, die FDP liegt laut der aktuellen Umfrage Ihres Instituts nur noch bei drei Prozent. Sie hat somit 80 Prozent ihrer Wähler aus dem Vorjahr verloren. Haben sie so einen Absturz schon einmal erlebt?  

Manfred Güllner : Dass eine kleine Regierungspartei so schnell und drastisch an Vertrauen verliert, ist historisch einmalig. Die FDP hatte früher auch schon Schwierigkeiten, zum Beispiel wenn sie ihren Koalitionspartner gewechselt hat. Aber ein solcher Absturz ist noch nie vorgekommen.

ZEIT ONLINE: Ist die Talsohle nun nicht langsam erreicht, oder halten Sie einen weiteren Abschwung für denkbar? Was ist mit den liberalen Stammwählern?

Güllner : Die FDP hat das Problem, dass sie – anders als beispielsweise die Grünen – traditionell einen geringen Stammwähleranteil hat. In den letzten Jahren während der Großen Koalition ist ihr Sympathiepotential zwar gewachsen; immer mehr Leute konnten sich vorstellen, ihr und Westerwelle eine Chance zu geben. Aber treu sind diese Wähler nicht. Der Stammwähleranteil der FDP liegt traditionell bei etwa drei bis vier Prozent. Wegen der großen Unzufriedenheit mit der Regierung ist ein weiterer Absturz auf 2 bis 2,5 Prozent durchaus denkbar.

ZEIT ONLINE: Welchen Anteil hat Guido Westerwelle an diesem Abschwung?

Güllner : Er ist nicht allein verantwortlich. Ein Hauptgrund für die schlechten Werte ist die große Enttäuschung der FDP-Wähler über die bisherige Regierungsarbeit. Diese Wähler sind relativ klar zu umreißen. Es sind enttäuschte Mittelständler, frühere Unionswähler, die wollten, dass die Große Koalition beendet wurde und dass die FDP mitregierte. Aber statt Steuervereinfachung und Bürokratieabbau hat die FDP in der Regierung bisher vor allem Klamauk abgeliefert.  

ZEIT ONLINE: Und Westerwelle? Immerhin ist er der unpopulärste deutsche Politiker.

Güllner : Richtig. Aber die anderen Ressorts werden auch nicht gerade von Leistungsträgern geführt. Niebel ist kein sonderlich populärer Entwicklungshilfeminister, die anderen sind in den Politikerrankings eher in der unteren Hälfte angesiedelt. Aber, keine Frage: Westerwelle hat bei vielen den Eindruck hinterlassen, dass er seinem Amt nicht gewachsen ist. Und dass er sich nicht auf sein Ministerium konzentriert: Seine innenpolitischen Ausfälle sind auch nicht besonders gut angekommen.