Die Wikileaks-Veröffentlichungen lassen sich nicht rückgängig machen, stattdessen müssen wir uns Gedanken darüber machen, welche Normen wir für die staatliche Transparenz wollen, schrieb Karsten Polke-Majewskiin seinem Kommentar.In mehr als 200 Kommentaren haben Sie über seine Thesen gestritten. Wir haben die spannendsten in einer Kommentarschau zusammengestellt.

Sergiu_Lob mitreden hier was hilft? : "Geheime Akten sind für den Normalbürger nur relativ interessant. Was interessant ist, sind Darstellungen, wie das Steuergeld umherfließt, wo es ankommt, wie es aufgebraucht wird, was die politischen Versprechungen klar bringen. [...] Der Bürger soll die Möglichkeit haben, das Budget einzusehen und zu verstehen. Je transparenter der Staat sich macht, desto uninteressanter wären Seiten wie Wikileaks."

DDTDDTWo ist das Problem? : "Wikileaks bewirkt genau eines: Lügen und schlechtes benehmen der Politik wird veröffentlicht. Nicht mehr, nicht weniger. Dagegen kann, nein, darf man nichts haben! Wenn Politiker Kriege nur mehr führen können, wenn sie die Menschen anlügen, dann werden die Kriege eben nicht geführt. Diplomaten müssen eben anfangen, diplomatisch zu sein. Dann gibt es auch keine Probleme mit Wikileaks und keinen Bedarf."

gamma-andromedae"Richtig wäre es, darüber nachzudenken" : "Wikileaks will weder die 'Privatsphäre des Einzelnen' noch die 'ehrlich wirtschaftender Unternehmen' angreifen. Sondern Machenschaften in Militär, Politik und Wirtschaft aufdecken, die viel mehr, als Wikileaks dies je vermöchte, Menschenleben und den Weltfrieden gefährden."

AflatonIntransparenz und Entmündigung des Bürgers : "Wikileaks hat eigentlich nichts veröffentlicht, was man nicht als kritischer Bürger selbst mit an Gewissheit grenzender Ahnung eben wahrnehmen konnte. Die Art, wie Mr. Assange das gemacht hat jedoch ist hoch clever. 'DIE WAHRHEIT' als ultimative, einzig gültige Tatsache ist ein Phantom – sie existiert nicht. Julian hat lediglich die Veröffentlichung vieler einzelner Dokumente ermöglicht, die einen Blick hinter die Fassade der 'Political Correctness' ermöglichten und ergo etwas Licht ins Dunkel der vielfältigen Schleichwege der 'Geheimdiplomatie' brachten.

holtschDatenschutz für Staaten : "'Muss es schließlich eine Art Datenschutz für Staaten (und nicht nur für den einzelnen Bürger) geben?' Ja und nein. Einen Datenschutz in dem Sinne, dass andere Länder Staaten nicht ausspionieren (wie es z.B. die USA unter dem Deckmantel der 'Diplomatie' getan haben) sollte es durchaus geben. Insofern 'ja'. Allerdings dienen die Regierungen den Bürgern – daher ist es in einer Demokratie nicht angemessen, wenn die Regierungen versuchen, hinter dem Rücken der Bürger zu agieren. Es ist gut, dass z.B. die Amerikaner jetzt durch die aktuellen Enthüllungen genau wissen, was mit ihren Steuergeldern so angestellt wird. Da Politiker letztendlich nichts weiter sind, als Dienstleister – die im Sinne der Bürger zu handeln haben [...], finde ich es angemessen, auch die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen: Wenn ich sehe, dass mich ein Dienstleister hintergeht und betrügt, dann ersetze ich ihn durch jemanden, dem ich vertrauen kann."

KansaroZum Text : "Muss es Datenschutz für Staaten geben? Möglich. Aber eigentlich ging es Wikileaks auch nie in erster Linie darum geschützte Dokumente offenzulegen, sondern Informationen, die Sie als für die Bevölkerung relevant erachteten. Dass es sich bei der Frage, was das für Dokumente sind, letztlich um eine extrem subjektive und v.a. politische Frage dreht ist dabei klar, aber es macht einen Unterschied. In den Medien wird momentan darüber gesprochen, ob man das was Wikileaks macht machen darf, es wird darüber gesprochen, ob sich ein Staat das gefallen lassen muss. Nicht besprochen wird die antidemokratische Grundhaltung, die vielen solcher Überlegungen zugrunde liegt."

ttx –  Naivität : "Die veröffentlichten Dokumente sind zwar recht interessant, mögen für USA ärgerlich sein und werden ihre diplomatischen Bemühungen in naher Zukunft erschweren, aber im Grunde sind die Depeschen relativ harmlos. Keine wurde als 'top secret' klassifiziert, Erkenntnisse der Geheimdienste finden sich ebenso nicht darunter. Und das ist gut so. Denn Intransparenz ist in einigen politischen Bereichen durchaus wünschenswert oder die Welt wäre im totalen Chaos."

Zack34@ Herrn Polke-Majewski : "Es bedarf m.E. keinerlei 'neue Formen', sondern einfach harte, investigative,, echte journalistische Arbeit, weg vom Schmusen mit der politischen Elite, Unternehmensrabatten usw. und zurück zur Unabhängigkeit."

kuhnepz –  zu Zack34 10. @ Herrn Polke-Majewski : Reden steht keineswegs im Gegensatz zum Handeln, wie manche Kommentatoren hier glauben, sondern es ist der wichtigste Teil des derzeit notwendigen Handelns. Und diejenigen, deren Handeln in 'echter journalistischer Arbeit, weg vom Schmusen mit der politischen Elite' besteht, wie die Leute von Wikileaks, haben damit das Handeln, das Herr Polke-Majewski fordert, angestoßen. Das ist ihr Hauptverdienst, nicht daß die Welt nun dieses oder jenes Geheimnis kennt.

gcschmidtProblem des Informanten : "Wikileaks hat [...] der Weltöffentlichkeit einen großen Dienst erwiesen – aber dafür einen jungen Soldaten über die Klinge springen und ihn praktisch den Rest seines Lebens im Knast verbringen zu lassen, ist extrem unmenschlich. [...] Eine Organisation wie Wikileaks müsste wenigstens [...] in der Lage sein, ihre Informanten zu schützen."

KaffeebecherZweierlei Maß : "Wenn der alte Bibliothekar in Ecos 'Der Name der Rose' Aristoteles Buch über die Komödie mit aller Gewalt geheim hält, schaudert es uns, ebenso wenn russische Ex-Spione in London mit Polonium vergiftet werden oder russische Journalistinnen erschossen. Offenbart jedoch ein US-Soldat grausige Details aus dem Irak, so ist es Geheimnisverrat und selbstverständlich, dass er auf Jahre oder gar Jahrzehnte in Militärgefängnissen verschwindet.

uhuznaaAuf die Richtung der Entwicklung kommt es an : "Es gibt da zwei sehr gegensätzliche Strömungen: Technisch und durch immer größere Datensammelwut bedingte Transparenz auf allen Seiten einerseits und immer weitergehende mit Demokratie und Rechtsstaat kaum noch vereinbare Geheimniskrämerei auf politischer Ebene. Ich befürchte, wir werden insgesamt polizeistaatsähnliche Verhältnisse bekommen, mit sich immer weiter ausweitenden Zensur- und Kontrollmöglichkeiten des Staates, mit oder ohne Rechtsgrundlage. Auf der anderen Seite wird es gerade in der Folge der WikiLeaks-Geschichte immer mehr Menschen geben, die das auf gar keinen Fall hinnehmen werden. Kurz: ein kalter Bürgerkrieg."