Zwei Jahre nach der Fusion zur gesamtdeutschen Partei hat die Linke noch immer kein Grundsatzprogramm. Aber sie will im kommenden Frühjahr in die Landtage von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz einziehen. Zur Wahl in Sachsen-Anhalt und Berlin gilt es, die Position im Parlament zu halten oder auszubauen.

Doch über den Weg zum Ziel gibt es Streit. Im Zentrum steht derzeit der frühere Gewerkschaftsfunktionär Klaus Ernst, der mit der ostdeutschen Gesine Lötzsch die Bundes-Doppelspitze der Partei bildet. Vor allem aus ostdeutschen Ländern kommt Kritik: "Der kann es nicht", zitiert die Mitteldeutsche Zeitung ein führendes Mitglied der Partei. Thüringens Linksfraktionschef Bodo Ramelow wird konkreter: "Klaus Ernst zieht sich zu sehr auf sich selbst zurück", sagte er. "Er begreift die Pluralität unserer Partei nicht und nicht ihre zwei Aggregate: nämlich die Westerfahrung und die Osterfahrung."

Der im Westen aufgewachsene Ramelow organisierte bis 2008 mehrere Wahlkämpfe seiner Partei, heute widmet er sich nur noch der Landespolitik. Ernst will er am Ergebnis der Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz messen. "Ich war als Leiter unserer Bundestagswahlkämpfe immer bereit, die Verantwortung zu übernehmen. Daran wird sich auch die jetzige Führung messen lassen müssen." Auch Bundestags-Fraktionsvize Dietmar Bartsch verknüpfte jüngst die Zukunft der Parteispitze mit den Wahlergebnissen.

Ernst steht schon länger unter Druck: Kritiker ärgern sich, dass der Gewerkschaftsfunktionär und Kritiker der Hartz-Reform einen Porsche fuhr. Zudem erhielt Ernst dreifach Geld: als Parteichef, als Bundestagsabgeordneter und als Fraktionsvorstand. Der frühere bayerische Landesschatzmeister Ulrich Voß warf ihm vor, den Rechenschaftsbericht von 2009 manipuliert zu haben. Kreisverbände sollen die Mitgliederzahl künstlich hochgerechnet haben, um mehr Delegierte – und damit Ernst-Unterstützer – zu Landesparteitagen schicken zu können.

Ernst selbst kritisierte die politische Kultur seiner Partei. "Mich ärgert die Unvernunft, die ich teilweise erlebe", sagte er in einem Interview. Zu oft gerate der Zweck der Partei, die "Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen", aus dem Blick. In der aus der reformkritischen Gewerkschaftsbewegung WASG und der ostdeutschen Linkspartei hervorgegangenen gesamtdeutschen Linken gibt es immer noch Gräben zwischen Ost und West: Der Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Wulf Gallert, kritisierte Ernst, der gesagt hatte, es gebe im Osten einige, "die sich nicht damit abfinden können, dass es jetzt nicht mehr die alte PDS gibt".

Gallert will das nicht so stehen lassen: "Natürlich wissen wir alle in der Linken, dass die alte PDS nicht mehr existiert. Ich sage aber auch in aller Deutlichkeit: Die alte PDS hat eine Menge Erfolg gehabt und eine Menge Dinge vorangebracht – gerade im Osten. Alle in der Führungsspitze sollten diesen Erfahrungsschatz zur Kenntnis nehmen."

Der Konflikt macht sich auch daran fest, dass in ostdeutschen Bundesländern die Linkspartei an Regierungen beteiligt ist. So trägt sie in Berlin und Brandenburg die Reformpolitik der SPD mit, die sie auf Bundesebene aus der Opposition heraus kritisiert. Ramelow bezweifelt, dass Ernst mit der Co-Vorsitzenden Lötzsch die Partei gut durch die anstehenden Diskussionen lotsen kann.

Mit einer Führung, die "eine Wagenburg um sich herum baut", könne die Linkspartei nicht plural und offen sein, beklagte Ramelow und drohte Folgen an: "Wenn der Vorstand weiter so agiert, müssen wir auf dem Erfurter Parteitag im Oktober 2011 ehrlich über Konsequenzen reden", sagte er. Da sollen die Delegierten eigentlich über das Grundsatzprogramm sprechen, das bisher nur in Eckpunkten existiert. Doch, so Ramelow, könne man den Programmparteitag zum Wahlparteitag umfunktionieren.

Für Bundestags-Fraktionschef Gregor Gysi sind die Streitereien nur "Geplänkel", was damit zusammenhänge, dass die Linke Ende 2011 ein Parteiprogramm beschließen wolle. Lötzsch und Ernst seien gute Vorsitzende, die sich gegenseitig ausglichen. "Sie sind so extrem unterschiedlich, dass sie schon wieder gut zueinander passen."