Sollen Paare mit Erbkrankheiten ihre Embryos vor der Einpflanzung in den Mutterleib auf schwerwiegende gesundheitliche Schäden untersuchen lassen dürfen? Anfang 2011 wird die schwierige Frage der Präimplantationsdiagnostik (PID) im Bundestag entschieden. Eine Gruppe von Abgeordneten aller im Bundestag vertretenen Fraktionen hat nun einen Gesetzentwurf zur begrenzten Zulassung der umstrittenen Methode vorgestellt.

Demnach sollen genetische Untersuchungen von künstlich erzeugten Embryonen grundsätzlich verboten, in Ausnahmefällen aber erlaubt sein. Die Initiatoren rechnen im Parlament mit einer Mehrheit für ihren Entwurf.

Initiiert wurde der Gesetzentwurf von den Abgeordneten Ulrike Flach (FDP), Peter Hintze (CDU), Carola Reimann (SPD), Jerzy Montag (Grüne) und Petra Sitte (Linke). Vorgeburtliche Gentests an Embryonen sollen demnach nur dann erlaubt sein, wenn Eltern die Veranlagung zu einer schweren Erbkrankheit haben oder eine Tot- oder Fehlgeburt droht. Der Gesetzentwurf verbiete sogenannte Designerbabys oder eine Geschlechterauswahl, sagte Flach. Als Voraussetzung für den Gentest werde die Prüfung durch eine Ethikkommission vorgeschrieben. Einen Katalog von Krankheiten, bei denen die PID erlaubt ist, soll es nicht geben.

Der Gesetzentwurf schafft laut Flach Rechtssicherheit für betroffene Eltern und Ärzte. Zugleich helfe er Paaren, "sich für ein Kind zu entscheiden". Hintze sagte, durch die begrenzte Freigabe der PID solle Frauen ein schwerwiegender Schwangerschaftskonflikt erspart werden, der sich aus Untersuchungen im Mutterleib ergeben könne. Wird dabei eine schwere genetische Störung festgestellt, können sich die Frauen nach geltendem Recht für eine legale Abtreibung entscheiden. Den Vorwurf von PID-Kritikern, eine begrenzte Zulassung des Verfahrens führe zu einer Diskriminierung von Behinderten, wies Hintze als "abwegig" zurück.

Mit Hilfe der PID können im Reagenzglas gezeugte Embryos vor dem Einpflanzen in den Mutterleib auf Erbkrankheiten untersucht werden. Im Embryonenschutzgesetz von 1990 wurde die Präimplantationsdiagnostik noch nicht ausdrücklich geregelt und galt daher als strafbar. Mit einem Urteil vom Juli dieses Jahres erlaubte der Bundesgerichtshof (BGH) allerdings die Auswahl künstlich befruchteter Eizellen bei Paaren mit einer Veranlagung zu schweren Genschäden. Deswegen steht nun eine gesetzliche Regelung an.

Die Befürworter einer streng begrenzten Zulassung rechnen nicht damit, das künftig viele Paare von der Methode Gebrauch machen würden. "Wir gehen aus von 100 bis 200 PID-Untersuchungen pro Jahr", sagte Reimann. Jährlich gibt es in Deutschland rund 60.000 künstliche Befruchtungen.

In den Bundestagsfraktionen soll in den kommenden Wochen über den Gesetzentwurf diskutiert werden. Anfang Januar sollen zwei weitere Gesetzesanträge zur PID vorgestellt werden, darunter auch ein Komplett-Verbot. Bei PID-Kritikern stößt das Verfahren vor allem auf ethische Bedenken: Sie berufen sich darauf, dass menschliches Leben mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginne. Bei der Abstimmung im Bundestag wird es keinen Fraktionszwang geben. Hintze bekräftigte, er rechne mit großer Zustimmung für den nun vorgestellten Antrag.

Nach Ansicht des Grünen-Abgeordneten Volker Beck verstößt die Auswahl eines Embryos mittels PID "gegen die Menschenwürde". Nötig sei ein umfassendes Verbot. Auch Unionsfraktionsvize Johannes Singhammer (CSU), der zu den Verfechtern eines Verbots zählt, kritisierte den Antrag. "Es ist politisch nicht möglich, Differenzierungen bei menschlichem Leben vorzunehmen", sagte er. "Ich halte es auch für schwer möglich, diese Differenzierungen auf Expertengremien und Kommissionen zu übertragen." Ähnlich argumentierte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (RdK), Alois Glück. "Wir dürfen diese Tür nicht öffnen", sagte er.