Die Grünen wollen die CDU in Baden-Württemberg erstmals seit 57 Jahren in die Opposition schicken. Der Spitzenkandidat Winfried Kretschmann warf der Regierungspartei unter Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) vor, sie sei unfähig zu gesellschaftlichen und politischen Innovationen. "Deshalb kämpfen wir für ein grün regiertes Baden-Württemberg", sagte Kretschmann beim Landesparteitag der Grünen in Bruchsal .

Die Partei liegt in Umfragen derzeit bei 28 Prozent. Da die SPD bei 18 Prozent notiert wird, hat Grün-Rot einen leichten Vorsprung vor der CDU/FDP-Koalition, die zusammen auf 44 Prozent kommt.

Die Delegierten verabschiedeten in Bruchsal das Programm für die Landtagswahl am 27. März 2011. Die Partei hält die Koalitionsfrage offen und macht das Zusammengehen mit Bündnispartnern vom Atomausstieg , mehr Bürgerbeteiligung und einer Volksabstimmung über das Milliarden-Bahnprojekt Stuttgart 21 abhängig.

Bei einer möglichen Regierungsbeteiligung besteht Kretschmann auf einer gerechten Verteilung der Ministerien. "Selbstverständlich wird jeder Schlüsselressorts haben wollen. Aber beispielsweise das Kultusministerium und das Finanzministerium kann nicht ein Partner allein für sich beanspruchen", sagte der Chef der Landtagsfraktion am Rande des Parteitags. Seit Jahrzehnten sind Bildung und Finanzen im Südwesten in der Hand von CDU-Ministern.

Mit äußerst knapper Mehrheit von 88 zu 87 Stimmen verwarfen die Grünen die Forderung, Studiengebühren generell zu streichen. Stattdessen soll das Studium lediglich bis zur Promotion gebührenfrei sein. Die Partei fordert einen allgemeinen Zugang zum Master-Studium und das Fach Ethik gleichberechtigt zum Religionsunterricht. Die knapp 200 Delegierten stimmten auch gegen eine zehnjährige Gemeinschaftsschule als Regelschule.

Beim Dauerstreitthema Stuttgart 21 drohen aus Sicht der Grünem heftige Kostensteigerungen durch die Verbesserungsvorschläge des Schlichters Heiner Geißler . Die Aussage von Ministerpräsident Mappus, dass sie sich auf etwa 150 Millionen Euro begrenzen ließen, sei nicht seriös, sagte der Grünen-Verkehrspolitiker Boris Palmer.

Nach seiner Einschätzung werden die Kosten für den Umbau des Kopfbahnhofs in eine unterirdische Durchgangsstation und für den Anschluss an die Schnellbahntrasse nach Ulm auf deutlich mehr als fünf Milliarden Euro steigen. Deshalb seien neue Verhandlungen über die Finanzierung des Projekts unumgänglich. Der Chef der Deutsche Bahn, Rüdiger Grube, hatte Anfang November die "Sollbruchstelle" für Stuttgart 21 mit 4,53 Milliarden Euro angegeben. Werde diese Grenze überschritten, müssten die Projektträger erneut über die Finanzierung sprechen.

In dem Konflikt um das Bahnprojekt traten in Bruchsal jedoch interne Differenzen zwischen Landes- und Bundesebene zutage. Der Bundesvorsitzende Cem Özdemir bekam Contra, als er sich kompromissbereit zeigte. Er sagte, die Grünen akzeptierten Geißlers Schlichterspruch und würden "alles dafür tun, damit das, was im Kleingedruckten steht, 1:1 realisiert wird". Nachdem der Grünen-Landtagsabgeordnete Werner Wölfle Özdemir widersprach, ließ Özdemir erklären, selbstverständlich sei er für einen Volksentscheid über das Bahnprojekt, wie dies auch die Partei in einer Resolution forderte.