Lassen wir Julian Assange beiseite, seine Geheimniskrämerei, seine Profilierungssucht. Was bleibt übrig? Eine Idee : Alle Informationen müssen frei zugänglich sein, versteckte aufgedeckt werden. Wenn dann alles offen liegt, können wir endlich diese Welt und ihre Machtstrukturen verstehen und zum Besseren wenden.

Diese Idee muss einem nicht gefallen. Aber die Welt kann nicht mehr ohne sie gedacht werden. Wie also gehen wir mit ihr um?

Bislang sind die Antworten darauf höchst unbefriedigend. Die einen argumentieren rückwärts gewandt: Eine Politik, die so lange so gut funktionierte, dürfe nicht gefährdet werden, nur weil irgendwelche Aktivisten die absolute Transparenz als neues Ideal ausrufen. Wer so denkt, fordert Verfolgung und Bestrafung der Wikileaker. Die anderen verfangen sich im fatalistischen Glauben an die Macht der Technik: Was geht, werde auch geschehen, da lasse sich nichts machen. Beide Haltungen sind falsch. Die erste, weil sie sich der Realität verweigert. Die zweite, weil sie ignoriert, dass Menschen durchaus wählen können, wie sie ihr Zusammenleben gestalten wollen.

Statt zwischen solchen Extremen zu schwanken, wäre es sinnvoller, sich daran zu erinnern, welche Erfahrungen es im Umgang mit selbstorganisierenden Netzphänomenen gibt, die sich nicht automatisch in bestehende Strukturen eingliedern. 1998 ging die Musiktauschbörse Napster online. Millionen von Menschen tauschten hier Lieder, ohne sich ums Urheberrecht zu scheren. Die Musikindustrie war schockiert und überzog die Plattform mit Klagen. Schließlich wurde die Seite abgeschaltet. Doch die Idee Napster lebt noch immer. 

Man hätte von Napster lernen sollen. Beispielsweise, dass es nicht klug ist, eine Organisation zu zerschlagen, wenn deren Idee das Potenzial hat, sich zu dezentralisieren und als vielköpfiger Drache weiterzuleben. Besser wäre es gewesen, sich mit den Plattformbetreibern  zu einigen. Denn jede Organisation verfolgt eigene Interessen, Napster ebenso wie Wikileaks . Und Interessen sind verhandelbar.

Der Angriff auf Napster hatte noch einen zweiten Effekt: Viele Nutzer solidarisierten sich mit den vermeintlichen Underdogs. Ähnliches geschieht gerade im Fall Wikileaks . Nicht nur Netzaktivisten, sondern auch viele andere Bürger halten die massive Verurteilung der Gruppe durch (amerikanische) Behörden und Politiker für überzogen. So entsteht Misstrauen in die Politik, die Legitimation geht verloren.