ZEIT ONLINE : Herr General, in Berlin diskutiert die Politik über das Datum des Abzugs. Ende 2011 könne dieser beginnen, sollte die Sicherheitslage das hergeben, steht im Mandatsentwurf der Bundesregierung. Halten Sie es aus militärischer Sicht für möglich, dass die Zahl der Soldaten reduziert wird?

Generalmajor Hans-Werner Fritz : Ich wünsche mir, dass die Sicherheitslage jeden Tag besser wird. Ausschließen kann ich aber nicht, dass wir noch einige harte Wochen und Monate vor uns haben. Dieses Jahr könnte für Afghanistan das entscheidende werden. Aus militärischer Sicht nähern wir uns einem Kulminationspunkt. Das heißt, wir sind immer noch auf der schwierigen Seite des Berges, wir sind noch nicht auf dem Gipfel. Wenn wir am Ende des Jahres feststellen, dass wir Spielräume haben für eine Truppenreduzierung, dann kann man darüber nachdenken. Am Ende ist das eine politische Entscheidung. Der militärische Rat kann nur sein: Lasst uns sachlich beurteilen, wo wir stehen. Und: wie können wir verhindern, dass das gefährdet ist, was bisher erreicht wurde.

ZEIT ONLINE : Vor Kurzem haben hier in Masar-i-Scharif viele Soldaten ihr Bergfest gefeiert – sie haben die Hälfte ihrer Einsatzzeit hinter sich gebracht. Sie nähern sich dem Ende ihrer Zeit als Kommandeur des Regionalkommandos Nord. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Fritz : Wir haben eine sehr fordernde Zeit hinter uns gebracht, vor allem die Soldaten, die draußen an den Operationen beteiligt waren und noch sind. Ich glaube, dass wir das Jahr 2010 mit einer sehr guten Bilanz abschließen können. Wir haben uns in den zurückliegenden Monaten vor allem um die Provinzen Kundus und Baghlan gekümmert. Dort gab es einige Taliban-Hochburgen. Außerdem verlaufen durch die Region sehr wichtige Straßen, die für die Versorgung von Isaf, aber auch der Zivilbevölkerung von großer Bedeutung sind. Heute sind wir im Norden sehr viel weiter als noch vor einigen Monaten. Wir waren in Gegenden drin, sind drin und werden auch drin bleiben, von denen wir bisher nicht annehmen konnten, dass man dort überhaupt rein kann.

ZEIT ONLINE : Isaf-Kommandeur David Petraeus verfolgt einen Vier-Stufen-Plan. Die Soldaten der Schutztruppe sollen Aufstandsgebiete aufklären, säubern, halten und dann wiederaufbauen. In welcher Phase sind Sie im Norden?

Fritz : Es ist ja Gott sei Dank so, dass nicht überall im Regionalkommando Nord gekämpft wird. Man muss jede Provinz einzeln betrachten. Auch in den Bereichen, wo wir kämpfen, fragen wir uns, bevor wir militärisch agieren, was wir beim zivilen Wiederaufbau machen können. Dazu sprechen wir mit den Leuten und fragen, was sie brauchen. Die Menschen wünschen sich meist sauberes Trinkwasser, Elektrizität, Verkehrsinfrastruktur, Schulen oder eine bessere Gesundheitsfürsorge. Es ist wichtig, dass wir in dem Moment, in dem wir mit militärischen Operationen anfangen, gleichzeitig an den Wiederaufbau denken.

ZEIT ONLINE : Kämpfen und aufbauen – wie geht das gleichzeitig zusammen?

Fritz : Ein Beispiel: Bei einer Operation südwestlich von Kundus haben wir sofort nachdem das Schlimmste vorbei war, mit Aufbauprojekten begonnen. Ein paar Tage nach schweren Gefechten haben Pioniere bereits Stromleitungen verlegt. Das kam bei der Bevölkerung gut an. Sie spüren unmittelbar, dass die Lage mit der Isaf besser für sie wird. Das schließt natürlich nicht aus, dass wir dann auch mit mittel- und langfristigen Projekten weitermachen – etwa dem Straßenbau oder der Errichtung von Schulen.

ZEIT ONLINE : Die Isaf-Strategie sieht vor, dass die Bundeswehr eng mit den afghanischen Sicherheitskräften zusammen arbeitet, damit diese das Erreichte sichern. Sind sie dazu bereit?

Fritz : Auf diesen Punkt arbeiten wir hin. Wir haben dabei schon eine ganze Menge Fortschritte gemacht. Zum Beispiel bei der ANA, der afghanischen Armee. Wenn ich sehe, welche Qualität unsere Zusammenarbeit erreicht hat, nicht nur im Bereich des Mentoring , sondern auch des Partnering , dann muss ich schon sagen, alle Achtung. Es haben sich jetzt bei den Einheiten wirkliche Partnerschaften entwickelt. Man kämpft zusammen, man vertraut sich gegenseitig sein Leben an.

ZEIT ONLINE : Wie sieht denn diese Partnerschaft der Kampfeinheiten aus?

Fritz : Wir haben etwa während einer Operation im Baghlan-Korridor mit den Afghanen zusammen einen vorgeschobenen Gefechtsstand errichtet. Dort waren die Soldaten wochenlang zusammen. Wir haben die Operationsplanung gemeinsam gemacht, über die nächsten Schritte diskutiert. Das kann man nur, wenn man sich gegenseitig kennt, sich gut versteht und sich als Partner respektiert.

ZEIT ONLINE: Das klingt bei Ihnen sehr positiv. In den ersten Monaten wurde das Partnering von beteiligten Soldaten jedoch als schwierig beschrieben. Die Afghanen seien unzuverlässig, klagen die Deutschen und sagen, sie wollen lieber ihre Kameraden neben sich im Kampf als Afghanen.

Fritz : Mir geht es nicht darum, eine rosarote Welt zu zeichnen. Aber man muss sich mal vorstellen, was wir hier machen. Es kommen zwei völlig unterschiedliche Kulturen zueinander. Wir haben nicht nur sprachliche Unterschiede, sondern es gibt auch kulturelle Unterschiede. Ich sage meinen Soldaten immer wieder, gerade den Jungen, ihr müsst Euch über eines im Klaren sein: Es ist ja nicht nur so, dass wir den Afghanen unser Leben anvertrauen – das geht doch genauso andersherum. Die vertrauen uns doch ihr Leben auch an. Die beäugen uns und fragen sich, was können wir von den Deutschen erwarten. Vorbehalte abzubauen, Vertrauen aufzubauen – das braucht eben seine Zeit.

ZEIT ONLINE : Deutsche Infanteristen berichten, dass afghanische Einheiten einfach nicht erschienen, wenn sie gemeinsam zu Operationen aufbrechen sollten. Andere erzählen, dass die Afghanen völlig unzureichend ausgebildet wurden.

 

Fritz : Die Qualität der Ausbildung ist an manchen Stellen nicht immer ausreichend. Trotzdem machen die Afghanen überall mit. Und das kann man gar nicht hoch genug schätzen. Klar gibt es Probleme. Es gehen Verabredungen daneben. Aber wissen Sie, ich bin jetzt 38 Jahre lang Soldat, und ich habe in den ersten Jahren meiner Dienstzeit viele Übungen in Deutschland mitgemacht. Glauben Sie, das dabei immer alle Leute zu richtigen Zeit am richtigen Platz gewesen sind? Sicher nicht.