Es war einen Tag vor Heiligabend, als man im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium erstmals von dioxinverseuchtem Futtermittel aus der Region erfuhr. So jedenfalls steht es in einer aktuellen Stellungnahme des Ministeriums. "Wir haben sofort Anordnung an die Kreisveterinär-Ämter gegeben, belieferte Bauernhöfe zu überprüfen", sagt Sprecher Gert Hahne ZEIT ONLINE. Immerhin 20 landwirtschaftliche Betriebe seien noch am 23. Dezember angewiesen worden, ihre Waren nicht mehr in den Verkauf zu geben.

Welche Ausmaße der Skandal noch annehmen würde, ahnte man in Hannover allerdings nicht. Man habe den Angaben des schleswig-holsteinischen Futtermittelherstellers geglaubt und sei von einem einmaligen Fehler bei der Herstellung des Futtermittels ausgegangen, sagt Hahne.

Knapp 300 Kilometer weiter, in Düsseldorf, ist man auf den niedersächsischen Umgang mit den Dioxinfunden nicht gut zu sprechen. Auch nach Nordrhein-Westfalen war verseuchtes Futtermittel geliefert worden, man ließ ebenfalls Höfe sperren und Eier untersuchen. Bereits am 30. Dezember griff Umweltminister Johannes Remmele (Grüne) seinen neuen niedersächsischen CDU-Amtskollegen Gert Lindemann in einer Pressemitteilung direkt an: "Wir teilen die Einschätzung der niedersächsischen Landesregierung nicht, dass der Dioxin-Fall nur eine untergeordnete Bedeutung hat."

Hahne sieht "politische Gründe" hinter den heftigen Vorwürfen der Grünen gegenüber der CDU-Landesregierung. Sicherlich ist das nicht ganz von der Hand zu weisen. Doch Vorwürfe, dass im Hannoveraner Ministerium während der Weihnachtstage partout niemand Zuständiges zu erreichen war, hörte ZEIT ONLINE aus verschiedenen Quellen. Erst Anfang dieser Woche nahm man dort die Zügel wieder in die Hand – und schloss, auch weil es neue Hinweise auf eine weitere Dioxin-Belastung gab, weitere Bauernhöfe.

Bei überregionalen Lebensmittel-, Futter-, oder anderen Skandalen, die Verbraucherinteressen berühren, gibt es häufig Streit zwischen den Bundesländern. Man wirft sich gegenseitiges Versagen vor. Hintergrund ist das unterschiedliche Vorgehen der kommunalen- oder der Landesbehörden. Das ist, wenn man so will, ein Grundproblem des Föderalismus. Denn viele Verbraucherfragen sind Ländersache, der Bund hat hier nichts zu entscheiden. So ist es auch bei der Lebens- und Futtermittelkontrolle. Oder bei der medizinischen Versorgung.

Beispiele aus der Vergangenheit zeigen das. Im vergangenen Jahr kauften manche Bundesländer mehr Schweinegrippe-Impfstoff als andere , auch die Kosten für eine Impfdosis waren unterschiedlich. Als 2005 die Vogelgrippe ausbrach, wurden überforderte Lokalpolitiker auf Rügen tagelang mit der Bewältigung der Folgen alleine gelassen. Sie waren ja in der Theorie auch zuständig dafür, die toten Vögel zu beseitigen. Und Niedersachsen warf man unlängst vor, Mais-Saatgut im Vergleich zu anderen Bundesländern nicht genügend auf Genmanipulation hin untersucht zu haben.

In Krisensituationen kommt es zwar irgendwann doch zu einer länderübergreifenden Zusammenarbeit. Doch im aktuellen Dioxin-Fall gab es erst am Montag, also rund zwei Wochen nach den ersten Giftfunden, eine erste gemeinsame Telefonkonferenz der Länder. Erst dann vereinbarte man verstärkte Koordination. Zuvor war nach Angaben eines Sprechers des Bundesministeriums für Verbraucherschutz nicht ersichtlich, dass der Fall über die betroffenen Bundesländer hinaus überregionale Auswirkungen habe.