ZEIT ONLINE: Herr Vogel, seit Wochen streitet die Koalition darüber , wie sie die Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland künftig regeln und steuern soll. Heute Abend wird das eines der Themen beim Treffen der Koalitionsspitzen sein. Werden Sie sich diesmal einigen?

Johannes Vogel:  Das bleibt natürlich abzuwarten. Ich habe aber die Hoffnung, dass wir inhaltlich vorankommen. Das Thema wird uns so oder so noch länger begleiten. Wir werden heute nicht zum letzten Mal über den Fachkräftemangel diskutieren.

ZEIT ONLINE:  Gibt es diesen Mangel den wirklich? Ihr Koalitionspartner, die CSU, wird nicht müde zu betonen, dass man vorrangig die Menschen hierzulande qualifizieren müsse, bevor man um ausländische Arbeitnehmer wirbt.

Vogel:  Ich bin fest davon überzeugt, dass ein Wettbewerb um die klügsten Köpfe dringend nötig ist. Dieser Wettbewerb wird von anderen Ländern ja bereits betrieben. Deutschland steht hier bisher schlecht da. Darüber hinaus kommt das dicke Ende aufgrund des demografischen Wandels erst noch: Bis 2030 werden uns rund sechs Millionen Fachkräfte fehlen.

ZEIT ONLINE:  Und das ändert sich durch ein Punktesystem für Zuwanderung, wie es der FDP vorschwebt?

Vogel:  Wir orientieren uns damit an den modernen Zuwanderungsgesetzen anderer Einwanderungsländer. In Kanada beispielsweise haben 59 Prozent der Zuwanderer einen Universitätsabschluss, bei uns derzeit nur 22 Prozent. Das Punktesystem hilft dabei die Zuwanderung nach Qualifikation und Bedarf zu steuern. Obendrein hat es den Vorteil, dass es transparent ist. Nicht zuletzt für die Zuwanderer: Etwa ein gut ausgebildeter Vietnamese könnte so binnen weniger Minuten auf einer Homepage erkennen, welchen Zuwanderungs-Bedarf Deutschland hat und welche Qualifikation erforderlich ist. Wir müssen zudem um die klügsten Köpfe aktiv werben. Deutschland hat ohnehin schon den Nachteil der Sprache. Wir brauchen auch eine echte Willkommenskultur. Die Zugewanderten, die bereits hier sind, fühlen sich schließlich nicht immer willkommen, wie Umfragen belegen.

ZEIT ONLINE:  Die zuständige Ministerin von der Leyen scheint gegenüber ihrem Punktesystem nicht abgeneigt zu sein. Bekämpft wird es aber von der CSU. Noch einmal: Die CSU sagt, man dürfe nicht die "Schleusen" für ausländische Fachkräfte öffnen, sondern müsse in die eigenen Köpfe investieren ... 

Vogel: Ich sehe hier kein Entweder-Oder. Wir brauchen ein Sowohl-als-auch. Die Sorge, dass zu viele hoch qualifizierte Ausländer hierher kämen, ist angesichts des demografischen Wandels unbegründet. Wir müssen uns dieser Diskussion nun stellen. 

ZEIT ONLINE: Sind die Argumente nicht bereits ausgetauscht? Heute hat die bayerische Sozialministerin wieder recht deutlich gesagt, dass ihre Partei kein Punktesystem will.

Vogel:  Ich habe die Hoffnung, dass bei der Union ein Umdenken einsetzt. Die Argumente sprechen doch für sich. Auf ihre Klausurtagung nach Kreuth hatte die CSU Frank-Jürgen Weise von der Bundesagentur für Arbeit eingeladen. Der hat ebenfalls deutlich gesagt, dass es ohne Zuwanderung künftig nicht gehen wird.

ZEIT ONLINE: Hand aufs Herz. Ist das nicht ein Grundsatzstreit ohne Aussicht auf Lösung? Wie lange wird die Debatte noch andauern?

Vogel:  Ich habe die Hoffnung, dass wir heute im Koalitionsausschuss erste Schritte wie etwa die Senkung der Einkommensgrenze beschließen und noch in diesem Jahr zu einem Ergebnis in Form eines modernen Gesamtsystems kommen.

Die Fragen stellte Michael Schlieben.