Im Feldlager Kundus in Afghanistan geht es beim Mittagessen vor allem um ein Thema. Die Soldaten löffeln Kartoffelsuppe mit Würstchen, sie sind ratlos. "Wer sollte ein Interesse an unseren Briefen haben", fragt ein Unteroffizier seinen Kameraden neben sich. "Keine Ahnung", antwortet der. Geld sei da doch nie drin. Geschenke und auch Fotos schicken die Männer und Frauen der Bundeswehr aus Kundus per Päckchen nach Hause. Diese seien jedoch nicht geöffnet worden, heißt es.

Die Ratlosigkeit im Feldlager ist groß, seit der Wehrbeauftragte Hellmuth Königshaus (FDP) von möglicherweise zensierten Briefen der Soldaten berichtet hat . Feldpost war offenbar geöffnet worden und teilweise leer bei den Soldatenfamilien angekommen. Inzwischen wird bei Bundeswehr und Post ermittelt. Während in Berlin Politiker Eingriffe in das Briefgeheimnis beklagen, haben die Soldaten in Afghanistan erst aus der Tagesschau von den Ereignissen erfahren.

Ein Soldat der Fallschirmjäger, die als Teil des Ausbildungs- und Schutzbataillons Kundus das Feldlager oft für Wochen verlassen, Vorposten bewachen und gegen Aufständische kämpfen, vertritt die Meinung, dass Leute außerhalb der Bundeswehr dafür verantwortlich sein müssten. Der Militärische Abschirmdienst und andere Sicherheitsbeauftragte der Bundeswehr seien doch intelligent genug, die Briefe so zu öffnen, dass es keiner merkt, sagt er.

Auch der ehemalige Wehrbeauftragte der Bundeswehr, der SPD-Politiker Reinhold Robbe, kann sich "beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine untersuchende Behörde – eine nachgeordnete Stelle des Bundesministeriums für Verteidigung – verantwortlich ist".

Der Vorfall belastet die Soldaten, insbesondere diejenigen, die am Hindukusch auf Bundeswehr-Außenposten eingesetzt werden. Sie führen ein entbehrungsreiches Leben, bei heftigen Kämpfen gegen die Taliban sterben immer wieder Kameraden. Da ist die emotionale Unterstützung aus den eigenen Familien umso wichtiger. Neben E-Mails und Telefonaten stellen die Feldpostbriefe für viele Soldaten im Feldlager Kundus die wichtigste Verbindung nach Deutschland dar.

Am Schlimmsten finden viele Soldaten daher, dass Briefumschläge ohne Inhalt bei ihnen ankamen. "Briefe zu bekommen ist das Allergrößte", sagt ein Stabsgefreiter. "Das ist viel besser als E-Mails. Und auch unsere Verwandten und Freundinnen warten immer auf Post."

Egal wer für diese Vorfälle verantwortlich sei, er verdiene eine harte und gerechte Strafe, sagt ein Offizier. So etwas habe er in seiner langen Dienstzeit nicht erlebt. Trotz aller Gerüchte hat er Vertrauen in die Bundeswehrführung. Er glaubt nicht, dass sie dahinter steckt. Schließlich hätte sie beim Verdacht des Geheimnisverrats ganz normale Ermittlungen beginnen und mit richterlichem Beschluss Post öffnen können, betont der Offizier. 

Außerdem, fügt er noch hinzu, habe die Truppe derzeit nichts zu befürchten. Nach erfolgreichen Operationen in den Provinzen Kundus und Baghlan sei die Sicherheitslage so gut wie lange nicht mehr.