Die Soldatin, die im vergangenen November aus der Takelage des Bundeswehr-Ausbildungsseglers Gorch Fock stürzte, hätte wohl gar nicht in die Masten hochsteigen dürfen. Wie der Kölner Stadtanzeiger berichtet, war sie dafür nicht groß genug: Mit 1,59 Metern blieb sie unter der vorgeschriebenen Mindest-Körpergröße.

Der SPD-Verteidigungspolitiker Rainer Arnold kritisierte die Begleitumstände des Todes der 25-Jährigen. Er frage sich, ob dieses tragische Unglück vermeidbar gewesen wäre. "Wenn man sieht, welcher Druck auf die jungen Leute ausgeübt wurde, auf die hohen Masten zu steigen. Hier wird es sehr, sehr ernst", sagte Arnold der Zeitung. "Das alles deckt sich in keiner Weise mehr mit den Prinzipien der inneren Führung."

Arnold bemängelte überdies die Informationspolitik des Verteidigungsministeriums. Als er sich vor sechs Wochen nach dem Vorfall erkundigte, "wurde abgewiegelt". Wie der SPD-Politiker sagte, haben Teile der Gorch-Fock-Besatzung zwei Tage nach dem Tod der Soldatin eine Karnevalsfeier veranstaltet. "Dass die einen trauern und die anderen feiern, zeigt ja, was in manchen Köpfen der Stammbesatzung gelaufen ist", sagte er.

Nach dem Absturz der Marine-Soldatin wollten trauernde Offiziersanwärter bisherigen Informationen zufolge nicht mehr in die Takelage des Schiffes klettern. Vorgesetzte hätten sie dennoch zum sogenannten Aufentern gedrängt. Kommandant und Erster Offizier konfrontierten zwei von der Schiffsführung als Vermittler eingesetzte Offiziersanwärter mit dem Vorwurf der Meuterei und des Aufhetzens der Crew.

Die beiden und zwei weitere Kadetten sollten noch vor dem erneuten Auslaufen der Gorch Fock abgelöst und zurück nach Deutschland geflogen werden. Dabei ging es auch um die Aberkennung der Eignung zum Offizier. Als kurz darauf die Ausbildung auf dem Schiff vorerst ausgesetzt wurde, nahm die Schiffsführung diese Maßnahme zurück.

Vorgesetzte hätten "zum Teil sehr starker Druck aufgebaut", der von manchen "als Nötigung empfunden" wurde, schilderte der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus (FDP) in einem Brief an den Verteidigungsausschuss. Befehlshaber sollen den auszubildenden Soldaten angedroht haben, nicht mehr Offizier werden zu können.

Es seien Sätze gefallen wie "Wenn Sie nicht hochgehen, fliegen Sie morgen nach Hause" oder "Wenn Sie das nicht schaffen, wie wollen Sie dann Menschen führen?". Auch ein Offiziersanwärter mit ausgeprägter Höhenangst sei dazu gebracht worden, auf den höchsten Mast zu klettern.

Den Berichten zufolge soll es auch Fälle sexueller Belästigung an Bord gegeben haben. Die Ausbildung auf der Gorch Fock wurde daraufhin beendet. Die Offiziersanwärter bestiegen ein Flugzeug nach Deutschland. Das Schiff setze seine Fahrt nur mit der Stammbesetzung fort.

Den Vorwurf der Meuterei gegen die vier Offiziersanwärter wies Königshaus zurück. "Es gab keine Meuterei", sagte der Wehrbeauftragte. Vor dem Hintergrund des tragischen Unfalls hätten einige Kadetten nicht zum Tagesbetrieb übergehen wollen, was von der Schiffsleitung nicht gutgeheißen wurde. 

Der Begriff Meuterei bezeichnet ein nach dem deutschen Wehrstrafgesetzbuch streng zu bestrafendes Verbrechen. Bis zu zehn Jahre Haft sieht dieses Gesetzbuch, das speziell für Soldaten im Dienst gilt, dafür vor.

Eine Meuterei ist nach dem Gesetz ein Zusammenschluss mehrerer Soldaten, die die militärische Hierarchie untergraben oder als Gruppe gewaltsam gegen Vorgesetzte vorgehen wollen. Der Vorwurf greife, wenn "Soldaten sich zusammenrotten und mit vereinten Kräften eine Gehorsamsverweigerung, eine Bedrohung, eine Nötigung oder einen tätlichen Angriff begehen", heißt es im Text des entsprechenden Paragrafen dazu wörtlich.

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, warnte angesichts der Berichte über die Meuterei vor voreiligen Schlüssen. Man müsse prüfen, ob Sicherheitsbestimmungen verletzt worden seien, sagte Kirsch. "Manchmal stellt sich am Ende manches anders dar als am Anfang."

Derzeit wird "von Amts wegen" ermittelt, wie ein Sprecher des Wehrbeauftragten des Bundestages sagte. Besatzungsmitglieder hätten Eingaben gemacht, aus denen hervorgehe, dass "etwas im Argen" liege.

Vergangene Woche sei eine Delegation des Wehrbeauftragten zu Gesprächen bei der Besatzung gewesen. Auch die Marine will ein eigenes Team an Bord schicken. Das bekannte Segelschiff hatte jüngst Kap Hoorn umrundet. Am Donnerstag drehte es ab, um in den zuletzt angelaufenen Hafen nach Argentinien zurückzukehren. In Ushuaia soll ein Ermittlungsteam der Marine warten.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) forderte eine "rückhaltlose Aufklärung" der Vorgänge auf dem Segelschulschiff. "Es wird von meiner Seite keine Vorverurteilungen geben", sagte der Minister. Falls sich aber herausstelle, dass es Fehlverhalten gegeben habe, werde dies "selbstverständlich Konsequenzen nach sich ziehen".