Skandale auf dem edlen Segelschulschiff der Bundeswehr begeistern die Boulevardpresse. Bei der Feldpost der Soldaten wird das Briefgeheimnis missachtet. Und der Verteidigungsausschuss des Bundestages wird sehr spät über den Verlauf eines tödlichen Schieß-Unfalls in Afghanistan informiert.

Das sind drei Fälle, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Sie und der heute vorgelegte Bericht des Wehrbeauftragten zeigen aber deutlich, dass CSU-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg weit mehr zu tun hat, als die Truppe zu verkleinern und Standorte zu schließen. Bei der Reform der Streitkräfte muss die Innere Führung gestärkt und eine Abkapselung der Armee von der Gesellschaft verhindert werden.

Die jüngsten Fälle beweisen zudem, wie nötig das Amt des Wehrbeauftragten ist. Diese Institution wurde einst geschaffen, um zu verhindern, dass die Armee ein Staat im Staate wird. Sie wurde auch ins Leben gerufen, damit Soldaten außerhalb der Truppe einen Ansprechpartner, eine Art Kummerkasten haben.

Hellmut Könighaus hat den drei Fällen die nötige öffentliche Aufmerksamkeit verschafft, um den Verteidigungsminister zum Handeln zu zwingen. Guttenberg macht dabei keine gute Figur – deswegen dem FDP-Abgeordneten Königshaus eine Intrige gegen den beliebten Minister andichten zu wollen, ist absurd. Es ist schließlich die wichtigste Aufgabe des Wehrbeauftragten, Missstände bei der Truppe anzuprangern und für deren Behebung zu sorgen.

Bei der Präsentation seines ersten Jahresberichts   heute in Berlin hat der Wehrbeauftragte seiner Funktion entsprechend auf weitere schwerwiegende Probleme hingewiesen. Vor allem prangerte er erhebliche Führungsschwächen bei der Bundeswehr an.

Jungen Mannschaftsdienstgraden, aber auch unerfahrenen Vorgesetzten fehle es "an Wissen und Gespür dafür, wann die Grenzen zum Dienstvergehen beziehungsweise zur Straftat überschritten werden", schreibt Königshaus in seinem 70 Seiten langen Bericht. "Oft gehen beleidigende Äußerungen mit anderen schwerwiegenden Pflichtverletzungen einher." Königshaus, ein eher nüchterner Jurist, neigt normalerweise nicht zu Alarmismus. Seine deutlichen Worte sind deswegen umso besorgniserregender.

Zu Recht fordert der Wehrbeauftragte, bei künftigen Reformen müsse auch die Disziplin in der Truppe verbessert werden. Soldaten brauchen klare Regeln, eindeutige Vorschriften. Und sie brauchen eine Leitung, die die Vorgaben der Politik und der militärischen Führung umsetzt. Gerade im Auslandseinsatz, gerade in Afghanistan, wo deutsche Soldaten im Auftrag des Parlaments ihr Leben riskieren, werden Offiziere und Unteroffiziere benötigt, die ihren Untergebenen ein Vorbild sind.

Der Verteidigungsminister und der Generalinspekteur der Bundeswehr müssen jetzt prüfen, ob die Ausbildung der Offiziere und Unteroffiziere ausreicht.

Anzeichen dafür, dass einigen – nicht allen! – Soldaten ein ethisches Wertegerüst fehlt, zeigten Skandale der vergangenen Jahre: ekelige Aufnahmerituale in einer Gebirgsjägerkompanie (aufgedeckt 2010), mit Totenköpfen von einem afghanischen Friedhof posierende Bundeswehrsoldaten (2006), Misshandlungen während der Grundausbildung in einer Kaserne in Coesfeld (2004). Solche Exzesse passen nicht zu einer demokratischen Armee, sie passen nicht zur Bundeswehr.