Frage: Herr Ministerpräsident, Sie nehmen nach 20 Jahren Abschied von der Politik. Ihr Berufsstand hat in dieser Zeit stark an Vertrauen verloren. Kann es sein, dass die Deutschen demokratiemüde geworden sind?

Wolfgang Böhmer: Müdigkeit würde ich das nicht nennen. Eher eine Enttäuschung über das Wesen der Demokratie.

Frage: Das müssen Sie erklären.

Böhmer: Viele Menschen erwarten von der Demokratie ein besseres Leben im Sinne von Wohlstand. Doch Demokratie schafft allein noch keinen Wohlstand, sie ist die Voraussetzung dafür, dass jeder aus sich etwas machen kann. Wenn die Menschen ihre Erwartungen enttäuscht sehen, wenden sie sich ab von den Strukturen der Demokratie, dem mühsamen Finden von Kompromissen.   Und von Akteuren in der Politik. Die Leute erwarten vom Staat oft mehr, als ein demokratischer Staat zu leisten imstande ist.

Frage: Spüren Sie eine Politiker-Verachtung?

Böhmer: Auf jeden Fall spüre ich keine Wertschätzung für Politiker. Manchmal sogar Geringschätzung. Aber das liegt gelegentlich auch an Ihnen, den Medien.

Frage: Die Medien sind schuld?

Böhmer: Die Politiker liefern selbst natürlich auch schöne Vorlagen. Aber ich beobachte immer häufiger, dass die Medien erst einmal bewerten, bevor sie berichten. Weil sie mit langweiligen Sachstandsberichten aus der Politik keine Leser finden, inszenieren sie am liebsten Skandale. Das führt zu einseitigen und verzerrten Bildern von Politik.

Frage: Bisher war Karl-Theodor zu Guttenberg einer der wenigen Politiker, die im Volk Hochachtung genießen . Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Böhmer: Er ist ein Politiker, der nicht schwadroniert. Er trifft Entscheidungen und steht zu seiner Sache. Ich war mit ihm in Afghanistan und habe gesehen, wie selbstverständlich der Minister auch den einfachen Soldaten dort entgegentritt und sich für deren Sorgen interessiert. Die Soldaten haben das Gefühl, da ist einer, der sich wirklich für sie einsetzt. Das kommt an.