Bei der letzten Bundesratssitzung am Freitag kam es zu einem Gruppenbild mit zwei Damen: Die CDU-Landeschefs posierten in der Lobby vor der Presse. Sie wollten Geschlossenheit in der Hartz-Auseinandersetzung mit SPD und Grünen demonstrieren. In der Mitte standen diejenigen, die bald Wahlkämpfe zu absolvieren haben. Julia Klöckner aus Mainz lästerte über Kurt Beck. Stefan Mappus aus Stuttgart strahlte in die Kameras, als Volker Bouffier ihm auf die Schultern klopfte.

Nur einer fehlte in dieser Runde. Hamburgs Bürgermeister Christoph Ahlhaus hatte offenbar niemand Bescheid gesagt. Und niemand schien ihn zu vermissen. Dabei sind es nur noch wenige Tage bis sein Bundesland das Superwahljahr 2011 einläutet. Und Ahlhaus, in den Umfragen weit abgeschlagen , könnte ein bisschen positive PR nicht schaden.

Im Gespräch mit ZEIT ONLINE versucht der Erste Bürgermeister erst gar nicht, seine Ausgangslage schön zu reden. Eine neue emnid-Umfrage sieht seine CDU bloß noch bei 24 Prozent. Die SPD ist fast doppelt stark. Und Ahlhaus, der das Amt im Sommer von Ole von Beust übernommen hat, ist weitaus unbeliebter und unbekannter als Olaf Scholz von der SPD.

Ahlhaus spricht mehr über seinen "Herausforderer", wie er ihn nennt, als über sich selbst. Scholz habe "kein Konzept", seine Versprechen seien "unseriös". Eine richtige Erklärung, warum die CDU binnen eines halben Jahres um gut 15 Prozentpunkte abgestürzt ist, hat er nicht. Eventuell habe man der GAL in der schwarz-grünen Koalition "zu viele Zugeständnisse" gemacht. Im Wahlkampf 2008 plakatierte die CDU noch "Rettet die Gymnasien", später warb von Beust dann plötzlich für längeres gemeinsames Lernen. Deutlicher will er seinen Vorgänger nicht kritisieren. In Ahlhaus' Umfeld wird aber darauf hingewiesen, dass der Einsturz in den Umfragen schon unter von Beust begann.

Vielleicht reicht es ja doch für einen "Überraschungserfolg", sagt Ahlhaus. Damit meint er die Juniorpartnerschaft in einer Großen Koalition unter Scholz, wenn SPD und GAL sich nicht einigen können. Spannend, so heißt es aus seinem Umfeld, werde es am Sonntag nur, wenn die SPD nicht die absolute Mehrheit hole. Dann beginne der Koalitionspoker. Aber Ahlhaus ist Realist genug, um zu wissen, dass er selbst als Bürgermeister mit der kürzesten Amtszeit in die Hamburger Stadtgeschichte eingehen wird. Er lächelt tapfer, als er darüber spricht.

Acht Stunden nach diesem Gespräch, auf einer Wahlkampf-Tour in Hamburg, schlägt Alhaus Desinteresse entgegen. Mit großem Tross betritt er am frühen Abend das "Wandsbeker Quarree", ein Einkaufscenter im Norden der Elbstadt. An sich ist das durchaus ein belebter Ort. Aber das Interesse der Wandsbeker an den Einkäufen ist größer als an ihrem Stadtoberhaupt.

 Die Bürger erkennen ihren Bürgermeister nicht

Und Ahlhaus, der gelernte Bankkaufmann und langjährige Parteifunktionär, ist eben kein Menschenfischer. Die wenigen Gespräche, die er in dem Einkaufscenter mit den Bürgern führt, enden nach ein oder zwei Sätzen. Als eine Frau mit Kopftuch ihn auffordert, etwas gegen die teuren Rundfunkgebühren zu unternehmen, sieht man ihm an, dass er aus diesem Gespräch bloß wieder rauskommen will. Zwei Obstläden später ist dann schon niemand mehr da, der dem Bürgermeister etwas fragen oder ihn grüßen will. Ahlhaus geht unbeholfen auf einen jungen Mann zu und wünscht ihm einen "guten Einkauf". Der dankt verdutzt, scheint aber gar nicht zu wissen, wer das eben war.

Neben Ahlhaus schafft es sogar Peter-Harry Carstensen locker und weltmännisch zu wirken. Der Kieler Ministerpräsident ist ebenfalls nach Wandsbek gekommen, um Ahlhaus im Wahlkampf zu unterstützen. Normalerweise ist Carstensen so mondän wie ein friesisches Regencape. Aber heute ist er es, der, die Händen in den Hosentaschen, mit Fischverkäuferinnen schäkert und der routiniert zurückblafft, als ein Pöbler Kritik an der CDU übt. Ahlhaus ringt währenddessen um die richtigen Worte. Ihm ist anzumerken, dass es sein erster Wahlkampf als Spitzenkandidat ist.

In der Hamburger CDU sind viele enttäuscht von ihrem Bürgermeister. Zwar hatte ein großer Teil der Basis nach den Beust-Jahren einen "konservativen Roll-Back" gefordert. Das Image der "liberalen Großstadtpartei", das Beust kultivierte, hatte viele zunehmend gestört. Daher verband man mit Ahlhaus, der sich als Innensenator als konservativer Hardliner profilierte, durchaus Hoffnungen, nun wieder mehr "CDU-pur" zu bekommen. Dass er keine Hamburgischen Wurzeln hat, sondern ein Zugezogener aus Heidelberg ist, glaubte man damals verschmerzen zu können.

Nun aber ist in der Hamburger CDU Ernüchterung eingekehrt. Einige hinterfragen, ob die Abkehr vom integrativen Beust-Kurs nicht doch ein Fehler gewesen sei. Immerhin war man so bei drei Wahlen erfolgreich. Selbst diejenigen, die früher heimlich über von Beusts Egozentrik und Liberalität klagten, trauern nun "Oles Beliebtheit" hinterher. Andere weisen pikiert auf die "Liste an Flops und Fehlern" hin, die Ahlhaus sich im Amt geleistet hat: Eine private Reise im Dienstwagen als Innensenator nach Paris, peinliche Fotos und Interviews mit der Gattin, und nun ein unprofessioneller Wahlkampf – wo man auch hinhört, Ahlhaus wird mangelndes Feingefühl und eine große Affinität für Fettnäpfchen nachgesagt. Die, die es gut mit ihm meinen, sagen, der Wahlkampf komme zu früh für ihn. Hätte die GAL die Koalition nicht platzen lassen – und er zwei Jahre Zeit gehabt –, hätte er sich an die Spitzenrolle gewöhnen und Akzente setzen können.

Ob er nach der Wahl in der Hamburger CDU noch eine Rolle spielen wird, ist zweifelhaft. Ein Spitzenfunktionär der Hamburger CDU kündigt im Gespräch mit ZEIT ONLINE ein "Scherbengericht" für nach der Wahl an. In der Antike wurden so unliebsame Mächtige aus der Stadt gejagt. Auch der Fraktions- und der Parteichef der Hamburger CDU müssen wohl um ihre Posten bangen.

Später an diesem Abend hat Ahlhaus noch einen Auftritt in einem fast leeren Gemeindesaal in Langenhorn-Nord, kurz vor der Grenze nach Schleswig-Holstein. Carstensen ist immer noch dabei – und hält wieder, obgleich beileibe kein Spitzenrhetoriker, die bessere, mitreißendere Rede. Aber auch Ahlhaus kann durchaus witzig und selbstironisch sein. Etwa als er erzählt, wie verdattert er war, als die GAL-Chefin ihn anrief und die Koalition kündigte. Er sei "guten Mutes" am Sonntag, "noch was  reißen zu können", ruft er. Seine 24 Zuhörer klatschen ungläubig.