Das Kapitel Volksparteien in der deutschen Geschichte ist abgeschlossen. Es führt kein Weg zurück zu den abgeschotteten Milieus, zu den alten ideologischen Schlachten, zu den festen Wählerbindungen und zum schuldenfinanzierten Wohlfahrtsstaat. Die moderne Gesellschaft ist vielfach gespalten: zwischen Arm und Reich, zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung, zwischen Inländern und Migranten, zwischen digitaler und analoger Welt, zwischen Jung und Alt, zwischen Ost und West. Diese neuen Konfliktlinien werden so schnell nicht wieder verschwinden.

Aber die ehemaligen Volksparteien, deren Wurzeln ins 19. Jahrhundert zurückreichen, sind diesen neuen Konflikten nicht mehr gewachsen. Es gibt keine Religionen mehr und keine Ideologien, mithilfe derer sich die Spaltungen überbrücken ließen. Die Gruppeninteressen sind so heterogen, dass sie von den etablierten Parteien nicht mehr gebündelt werden können. Viele Probleme sind zu komplex und die finanziellen Spielräume des Staates zu eng. Die politischen Eliten haben sich von ihren Wählern entfernt, deren Unmut sich deshalb gegen die Parteien insgesamt richtet. Gleichzeitig fordern selbstbewusste zivilgesellschaftliche Akteure die Politik heraus.

Doch was kommt nach den Volksparteien? Parteien wird es weiterhin geben. Sie sind weltweit ein elementarer Bestandteil jeder demokratischen Gesellschaft. Es gibt in Deutschland mittelgroße und mittelkleine Parteien, und möglicherweise wird bald eine der kleinen Parteien zu den mittelgroßen aufschließen oder aus einer mittelgroßen eine kleine Partei werden. Die Parteien werden sich zudem an ein ständiges Auf und Ab und große Sprünge in der Wählergunst gewöhnen müssen. Und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis nach dem Vorbild der Niederlande oder Dänemarks auch in Deutschland einer rechtspopulistischen Partei der Durchbruch gelingt.

Getrost kann man sich künftig auf fünf, sechs oder gar sieben Parteien im Bundestag, auf schwierige Regierungsbildungen, häufige Koalitionskrisen und Minderheitsregierungen, auf mehr Unübersichtlichkeit und mehr Instabilität im politischen System einstellen.

Groß ist zugleich die Gefahr einer Berlusconisierung der deutschen Politik. Mit der "Forza Italia" ist es in Italien einem der größten Konzerne gelungen, sich der Politik zu bemächtigen und Einfluss auf die Regierungsgeschäfte zu nehmen. Je weniger die Parteien in der Gesellschaft verankert sind, desto mehr Einfluss auf die Politik gewinnen auch in Deutschland Lobbyisten. Schon jetzt versuchen finanzstarke Interessengruppen – die Pharmaindustrie, die Energiewirtschaft oder das Hotelgewerbe – politische Entscheidungen zu erzwingen oder zu kaufen. Der wichtigste Hebel, dieser Gefahr zu begegnen, heißt Transparenz.

Auch der Parteienstaat braucht eine neue Legitimationsgrundlage. Politische Personalentscheidungen dürfen nicht länger in den Hinterzimmern der Macht fallen. Vor allem der Besetzung von Führungspositionen in wichtigen Institutionen, etwa Bundesbank, Bundeswahlleiter oder Verfassungsgericht, sollte ein öffentliches und transparentes Auswahlverfahren vorausgehen. Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte dem unmittelbaren Zugriff der Politik entzogen werden.

Der Föderalismus braucht ebenfalls eine neue Ausrichtung. Das bisherige föderale Entscheidungssystem mag mit drei Parteien und klaren politischen Lagern funktionieren. In einem Vielparteiensystem mit den unterschiedlichsten Regierungsbündnissen im Bund und in den Ländern funktioniert es nicht. Mit einer kosmetischen Föderalismusreform ist es jedoch nicht getan. Die Frage nach der Zukunft des Bundesrates muss grundsätzlich gestellt werden: Soll sich die Bundesrepublik zu einer Mehrheits- oder zu einer Konsensdemokratie entwickeln? Nach dem Selbstverständnis des Bundestages und der meisten Wähler ist Deutschland eine Mehrheitsdemokratie. Soll es dabei bleiben, wäre es sinnvoll, den Bundesrat zu einer richtigen Länderkammer, zu einem Senat aufzuwerten.