In den westdeutschen Bundesländern genießt die Linkspartei oft einen zweifelhaften Ruf. Die Konkurrenzparteien und Lokalmedien berichten von Flügelkämpfen, radikale Forderungen, sektenartigen Strukturen, unberechenbaren Führungspolitikern und anderen Problemen.

Nicht so in Hamburg. In der Hansestadt spricht man auffallend freundlich über die Linken. Der SPD-Chef Olaf Scholz lobte sie für ihren "pragmatischen Auftritt" und die "ordentliche Arbeit", die sie abliefere. Selbst die CDU suchte regelrecht den Kontakt. Ole von Beust ließ sich in der Bürgerschaft gern beim Plaudern mit den linken Abgeordneten ablichten. Außerdem schwärmen beide Seiten, Linke wie Schwarze, noch heute davon, wie man beim Schulkompromiss gemeinsam die SPD ärgerte. Die Linkspartei unterstütze die Schulpolitik der schwarz-grünen Regierung , woraufhin sich die Sozialdemokraten ebenfalls zu einem Bekenntnis für längeres gemeinsames Lernen genötigt fühlten.

Entsprechend freundlich ist die Berichterstattung, sogar bei der Springer-Presse. Hatten Bild und Hamburger Abendblatt 2008 den Einzug der Linken noch gewohnt alarmierend kommentiert, attestierte sie der Linken inzwischen ein hohes Maß an "Glaubwürdigkeit" und "Professionalität".

Für den guten Ruf verantwortlich ist Dora Heyenn, Fraktionschefin und inoffizielle Spitzenkandidatin der Linken. Heyenn war früher Sozialdemokratin und Abgeordnete im Kieler Landtag. 1999, als Oskar Lafontaine hinwarf, verließ sie die SPD ebenfalls, tief enttäuscht von der Schröder-Regierung. 2005 trat sie – wie Lafontaine – in die WASG ein. Seither gehört sie zu den Führungsfiguren der Hamburger Linken.

Heyenn empfängt in ihrem Fraktionschefinnen-Büro. Sie ist heute nicht ganz so vornehm gekleidet wie auf den Wahlbroschüren ihrer Partei, wo sie einen Blazer mit Samtrevers und Kette trägt. Aber auch im Pulli verströmt sie einen durch und durch bürgerlichen Habitus. Die ersten Minuten des Gesprächs kreisen um ihr Hobby, das Töpfern. Bevor sie in die Politik ging, hatte Heyenn eine kleine Kunstwerkstatt und verfasste Bücher über Keramikarbeiten.

Freut sie sich, dass ihr die anderen Parteien "Seriosität" attestieren? Heyenn ist hin und her gerissen. Einerseits gefällt es ihr, als Gesprächspartnerin von den anderen Parteien ernst genommen zu werden. Andererseits erkennt sie in diesem Etikett eine Gefahr für ihre Partei. Klingt schließlich ein bisschen harmlos und spießig. Deshalb weist sie den Ausdruck zurück: "Ich weiß nicht, ob wir seriös sind. Wir sind verlässlich, und wir machen wirksame Politik."

Ihre Fraktion arbeite fundiert und fleißig. Aber dennoch sei sie durchaus auch zu harter, konsequenter Oppositionspolitik in der Lage. "Aber", sie hebt den Finger, sie opponiere "nicht aus Prinzip" wie die SPD. Die Sozialdemokraten hätten in der vergangenen Legislaturperiode routiniert jeden Antrag von Schwarz-Grün erst einmal abgelehnt. Ihre Fraktion hingegen habe sich die Freiheit gegönnt, auch mal zuzustimmen, wenn sie die Inhalte überzeugen. So "prinzipienlos" wie die SPD sei die Linke nicht.

Wie das bei enttäuschter Liebe oft so ist, mit keiner Partei geht Heyenn härter ins Gericht als mit ihrer Ex. Vor allem deren Spitzenkandidat Olaf Scholz kann sie nicht ausstehen. Sie sieht in ihm die Verkörperung der Jahre, die sie von der SPD entfremdet haben. Immer wieder nennt sie den früheren Schröder-Generalsekretär "Architekten der Agenda 2010", sie erinnert daran, wie er als Innensenator Drogendealern Brechmittel einflößen ließ. Und sie spottet über den Präses der Handelskammer, den Scholz zum Wirtschaftssenator machen will und der für mehr Sonntagsarbeit und eine niedrigere Gewerbesteuer eintritt.