Die Uni Bayreuth hat Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) aufgefordert, binnen zwei Wochen zu den Plagiatsvorwürfen bei seiner Doktorarbeit Stellung zu nehmen. "Wir nehmen die Vorwürfe sehr ernst", sagte Uni-Präsident Rüdiger Bormann. Es gebe keine Hinweise darauf, dass das Promotionsverfahren nicht ordnungsgemäß verlaufen sei. "Wir haben sehr strenge Qualitätsmaßstäbe", betonte Bormann. "Wir sind gut beraten, diese einzuhalten."

Der Präsident geht davon aus, dass zu Guttenberg eine ehrenwörtliche Erklärung abgegeben hat, die Arbeit selbstständig verfasst und alle Quellen offengelegt zu haben. Der Minister soll an mehrerer Stellen seiner 475 Seiten starken Doktorarbeit Verfassung und Verfassungsvertrag: Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU an der juristischen Fakultät fremde Textpassagen ohne Quellenangabe verwendet haben.

Zu möglichen Konsequenzen wollte sich Bormann nicht äußern. Dies sei Aufgabe der vierköpfigen Kommission zur Selbstkontrolle der Wissenschaft an der Universität. Diese werde aber erst den Eingang der Stellungnahme des Ministers abwarten und dann die Vorwürfe nach strengen Maßstäben prüfen. Bormann versicherte: "Wir werden sehr professionell mit der Sache umgehen und lassen uns nicht unter Zeitdruck setzen." Die möglichen Konsequenzen reichen von der Aufforderung, die Doktorarbeit nachzubessern, bis hin zur Aberkennung des Doktortitels.

Auch auf politischer Ebene steht der Verteidigungsminister unter Druck. Guttenberg kann zwar auf Unterstützung der Unionsfraktion setzen, deren Vize Günter Krings die Plagiatsvorwürfe gegen den Verteidigungsminister als "lächerlich" und "Schmutzkampagne" bezeichnet. Doch auch in der Bundesregierung will man den Vorfall nicht wortlos übergehen. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) forderte Guttenberg auf, die Vorwürfe "ganz in Ruhe" aufzuklären.

In Guttenbergs Dissertation gibt es mehrere Passagen, die wörtlich mit Formulierungen anderer Autoren übereinstimmen, ohne dass er dies gekennzeichnet hat. Bekannt wurde dies durch Recherchen des Bremer Juraprofessors Andreas Fischer-Lescano, der die Übernahmen "systematisch" nennt. Guttenberg hat die Plagiatsvorwürfe zurückgewiesen. Er sei zur Überprüfung seiner Doktorarbeit bereit, sagte er.

Unter den monierten Textstellen ist eine längere Passage aus der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag. Für die Einleitung seiner Dissertation soll er zudem fast wörtlich einen Text der Passauer Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von 1997 verwendet haben, der nur im Literaturverzeichnis aufgeführt sei.

Die Anzahl der offenbar übernommenen Textstellen wächst. Spiegel Online weist unter anderem auf Passagen hin, die fast wortgleich der Feder des CDU-Europaparlamentariers Andreas Schwab entstammen. Die Internetausgabe der FAZ berichtet, Guttenberg habe auch Textpassagen aus einem Vortrag von Ludger Kühnhardt, dem Direktor des Zentrums für Europäische Integrationsforschung (ZEI) übernommen. Die Suche nach weiteren Plagiaten hat sich inzwischen verselbstständigt. In einem kollaborativ betriebenen Google-Dokument tragen Interessierte übernommene Textpassagen aus Guttenbergs Dissertation zusammen.

Es ist offen, ob das Folgen für den Minister hat. Maßgeblich ist nach Expertenmeinung die Täuschungsabsicht. "Sie müssen schlechte Wissenschaft und Täuschung auseinanderhalten", sagt der Sprecher des Ombudsmanns für die Wissenschaft, Wolfgang Löwer. Das Fehlen von Fußnoten müsse nicht zur Entziehung des akademischen Grades führen. "Das kann ja auch ein Sorgfaltsmangel ohne Täuschungsabsicht sein."

Auch der Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbands (DHV), Michael Hartmer, sieht angesichts der bisher geäußerten Vorwürfe gegen Guttenberg keine Grundlage dafür, Guttenberg den  Doktortitel abzuerkennen. Das bislang Gefundene reiche allenfalls für eine Rüge. Die an der Universität Bayreuth eingesetzte Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft forderte unterdessen eine schriftliche Stellungnahme von Guttenberg zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen an.

Die Opposition reagierte mit offenen und verdeckten Rücktrittsforderungen. "Der Lack ist endgültig ab", sagte SPD-Verteidigungspolitiker Rainer Arnold. "So geht's halt, wenn man sich zu sehr auf Hochglanz poliert." Sollte Guttenberg der Titel aberkannt werden, wäre er auch als Minister nicht mehr zu halten. "Guttenbergs Glaubwürdigkeit wäre dann völlig zerstört", sagte Arnold. "Und ein Minister, der seine Glaubwürdigkeit verloren hat, kann nicht mehr wirklich arbeiten – im Bereich der Bundeswehr, in dem es in hohem Maße auf Vertrauen ankommt, vielleicht noch schwerer als in anderen Ressorts." Die Linkspartei fordert direkt den Rücktritt des CSU-Politikers, sollten sich die Anschuldigungen bewahrheiten.

Guttenberg selbst hat sich der Debatte vorübergehend entzogen. Bei einem Besuch bei Bundeswehrsoldaten in Afghanistan verbrachte er erstmals eine Nacht im Kampfgebiet. Der Minister übernachtete im Außenposten Nord in der Provinz Baghlan. Am Abend soll er erstmals seit Bekanntwerden des Plagiatsverdachts wieder in der Öffentlichkeit auftauchen. Er wird zu einem Wahlkampftermin in Barleben in Sachsen-Anhalt erwartet.