Bei der Bundestagswahl 2009 musste die CDU ausgerechnet in ihrem früheren Stammland schwere Verluste hinnehmen: Nur etwa 34,4 Prozent der Baden-Württemberger wählten die Christdemokraten, so wenige wie noch nie zuvor. Besonders in ihren früheren, ländlich geprägten Hochburgen brach die Union damals ein: am Bodensee, in Oberschwaben oder im württembergischen Raum. Waren hier früher CDU-Ergebnisse von weit über 50 Prozent Standard, 2009 waren es oftmals fünf bis zehn Prozentpunkte weniger.

Eine dieser Gemeinden ist Balingen, am Fuße der Schwäbischen Alb gelegen, etwa 80 Kilometer südwestlich von Stuttgart. In keinem Wahlkreis hat die CDU 2009 so viele Federn lassen müssen wie im hiesigen: Zollernalb-Sigmaringen. Auf den ersten Blick ist Balingen ist ein aufgeräumtes, durch und durch kleinbürgerliches Städtchen: 35.000 Einwohner leben hier, es gibt eine hübsche Fußgängerzone, eine schmucke Stadtkirche und viele Handwerksbetriebe, die bereits seit Generationen von derselben Familie geführt werden. "Tüchtig" sei man hier, sagen die Balinger über sich: "bescheiden" und "traditionsbewusst", nicht so "Schickimicki" wie in Stuttgart oder Tübingen.

Auch der Blick in die Lokalzeitung spiegelt Provinzidylle wider. Themen sind hier der neue Chorleiter, die Kreisjägervereinigung oder die besten Volkstänze. Früher hieß es, in diesem Milieu könnte die CDU gar einen Besenstiel aufstellen und sie würde trotzdem gewählt. So fest war die lebensweltiche Klammer aus Kirche, Vereinen – und eben der Christdemokratischen Union.

Schaut man in Balingen allerdings genauer hin, stellt man fest, dass sich in diesem Gefüge etwas verändert hat. Viele Balinger sind unzufrieden mit der Landesregierung – und bringen das auch zum Ausdruck. Auf vielen Autos kleben Buttons gegen Stuttgart 21 , jenen Bahnhof, den die CDU so eisern verteidigt. Von Mahnwachen gegen die Atomkraft berichtet auch der Schwarzwälder Bote , blättert man weiter nach hinten. Selbst die Institutionen der Stadt, die der CDU immer so verbunden waren, distanzieren sich von der Partei vor Ort, im Land und auf Bundesebene.

Deutlich wird das zum Beispiel im Gespräch mit Dieter Jäger, dem Vorsitzenden des örtlichen Schwäbischen Albvereins. Jäger hat ins Ewaldhaus, dem Vereinsheim, geladen. An der Wand hängen Wimpel. Die Bar ist mit hellem Holz vertäfelt, weiße Gardinen schützen vor der Frühlingssonne. Der Verein ist eine Instanz hier. 120.000 Mitglieder hat er in ganz Württemberg. Die Lokalpolitiker wissen, dass sie sich mit ihm "gut stellen" müssen, wie man das hier nennt.

Jäger hat früher "bürgerlich" gewählt, wie er freimütig erzählt. Und heute? "Man kann mit Schwarz-Gelb nicht zufrieden sein", seufzt er. Den Ministerpräsidenten Mappus bezeichnet er als "populistischen Wendehals". Um "360 Grad" habe sich binnen einer Woche energiepolitisch verrenkt . Erst war er Anhänger der Atomkraft und "seit Japan" dränge er auf die Stilllegung der alten AKW. Da passe "vieles nicht zusammen", sagt Jäger. "Konservative Menschen" erwarten von der Politik Verlässlichkeit .

Kristina Reichele ist evangelische Pfarrerin in der Innenstadt. Auch sie kritisiert die CDU offen. In ihren Predigten prangert sie die "angebliche soziale Kompetenz" der Partei an, die vor den wirklichen Problemen die Augen verschließe. Auch in Balingen gibt es inzwischen alte Leute, die Pfandflaschen sammeln und auf die Essensvergabe der Tafel angewiesen sind, von deren Einrichtung die CDU lange nichts wissen wollte.