Der Verantwortliche: Guido Westerwelle, Parteichef

Selten hat ein Parteivorsitzender so viel Druck aus den eigenen Reihen zu spüren bekommen wie Guido Westerwelle. Was nach dem Debakel vom Wahlsonntag auf ihn zukommen würde, hatte er geahnt. Noch vor Schließung der Wahllokale ließ er verbreiten, er trete unter keinen Umständen als Parteichef zurück. Und er probierte, Wirtschaftsminister Rainer Brüderle zum Sündenbock zu machen. Doch sein Vorstoß, schnell ein Opfer zu präsentieren, misslang. Brüderle wehrte sich. Nun trifft die Wutwelle der enttäuschten Liberalen den Vizekanzler selbst. Der allerdings weiß, wie es sich anfühlt, gegen die eigenen Leute zu stehen: Schon im Spätherbst hatten Liberale seinen Rücktritt gefordert, Wahlkämpfer ihn als Last bezeichnet.

Unbeliebt ist er wie wenige Politiker vor ihm – in der Bevölkerung schon lange, in den eigenen Reihen um so stärker, je dringender sich für die FDP die Überlebensfrage stellt. Dass es nun um die Existenz des organisierten Liberalismus in Deutschland geht, das sagen in der FDP nicht mehr nur alte Vorkämpfer wie Gerhart Baum.

Zu einem Rekordergebnis hatte Westerwelle die FDP bei den Bundestagswahlen vor eineinhalb Jahren geführt. Doch seit die Liberalen regieren, gehen ihre Umfragewerte stetig nach unten. Der Parteichef kam lange in seinem Amt als Außenminister nicht an, verprellte stattdessen die Republik durch polemische Attacken zum Thema Hartz IV ("spätrömische Dekadenz"). Zwar gelobte Westerwelle später Besserung und Zurückhaltung, doch die gehen gegen seine Natur. Kaum hatte er dann im Frühjahr als Außenminister tatsächlich Fuß gefasst, beschämte er viele eigene Anhänger mit der von ihm vorbereiteten Enthaltung zur Libyen-Resolution des UN-Sicherheitsrates.

Selbst seine härtesten Gegner in der Partei aber sprechen ihm zwei wichtige Eigenschaften nicht ab: Härte und taktisches Geschick. Ohne die niemand an der Spitze der Partei überleben kann, deren Geschichte reich an Intrigen ist. Westerwelle habe bessere Nerven als alle anderen am Machtkampf Beteiligten, sagen manche. Und im Gegensatz zu den Kontrahenten könne er sich auf diese auch in der entscheidenden Phase verlassen.