Während das Ausmaß des Unglücks im japanischen Atomkraftwerk Fukushima noch ungeklärt ist, hat in Deutschland eine neue Debatte um Atompolitik begonnen. Zwei Wochen vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg verlangten SPD, Grüne und Linke eine Kehrtwende der Regierung und einen schnellen Atomausstieg. Auch Umweltorganisationen und die Deutsche Energie-Agentur forderten, zum ursprünglichen Ausstiegsbeschluss zurückzukehren.

SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte einen sofortigen Stopp der Laufzeitverlängerungen für deutsche Atomkraftwerke. "Es ist völlig klar, dass CDU/CSU und FDP jetzt sofort ihre Laufzeitverlängerungen für alte Atomkraftwerke stoppen müssen. Wir sollten außerdem die fünf ältesten Atomkraftwerke vom Netz nehmen", sagte der frühere Bundesumweltminister der Tageszeitung Neue Westfälische. Gabriel forderte außerdem, die beiden hessischen Atomkraftwerke Biblis A und B zu schließen. Die Atomfrage habe auch für die Landtagswahl in Baden-Württemberg in zwei Wochen eine richtungweisende Funktion.

Gabriel forderte zudem ein kerntechnisches Regelwerk, um mehr Sicherheit für deutsche AKWs, besonders für die älteren Kraftwerke, gewährleisten zu können, sagte Gabriel. Die Katastrophe in Japan zeige, dass auch für Deutschland eine große Gefahr bestehe. "In Japan war zwar letztlich ein Erbeben und Tsunami der Auslöser, aber am Ende hat die Stromversorgung versagt", sagte Gabriel. Das sei auch in Deutschland möglich. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe die erneute Atomdebatte nach dem Unfall in Japan selbst eröffnet, sagte Gabriel. Jetzt müsse sie zeigen, ob sie es ernst meine.

Seinen Nachfolger im Amt des Umweltministers, Norbert Röttgen (CDU), forderte Gabriel auf, sich notfalls auch gegen die Bundeskanzlerin durchzusetzen. "Der Bundesumweltminister hat eine starke Stellung. Er ist für die atomare Sicherheit verantwortlich, nicht die Kanzlerin. Aber man muss auch den Mut haben, diese starke Stellung zu nutzen", sagte Gabriel.

Die Organisatoren der 45-Kilometer-Menschenkette zwischen Neckarwestheim und Stuttgart erklärten, die Ereignisse in Japan seien der Beweis, dass selbst in einem Hochtechnologieland mit besonderer Sicherheitskultur nicht alle Risiken der Atomenergie beherrscht werden könnten. "Angela Merkel und Stefan Mappus werden merken: Wer Laufzeiten verlängert, verkürzt seine Regierungszeit", sagte Jochen Stay von der Anti-Atom-Organisation "ausgestrahlt". Für Montagabend kündigten Umweltorganisationen Mahnwachen und Aktionen gegen Atomenergie in mehreren deutschen Städten an.

Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin kritisierte insbesondere die Bundeskanzlerin. Angela Merkel als frühere Umweltministerin solle wissen, dass keines der in Deutschland laufenden Atomkraftwerke auf eine Kernschmelze ausgelegt sei. "Die Lehre aus dieser Erkenntnis lautet Laufzeitbegrenzung." Das Argument, die deutschen Verhältnisse seien mit denen in Japan nicht vergleichbar, kritisierten mehrere Oppositionspolitiker. So sagte Trittin, die deutschen AKWs seien keineswegs sicher, etwa drohe Gefahr durch Flugzeugabstürze.

Zuvor hatte Umweltminister Röttgen als Reaktion auf den nuklearen Unfall in Japan Fragen zur Atomkraft aufgeworfen. Es stelle sich die Frage nach der der Beherrschbarkeit der Atomtechnik, sagte Röttgen. "Ich finde, dass dieser Debatte nicht ausgewichen werden darf." Man müsse sich zudem fragen, ob man nicht schneller zu anderen Energiequellen wechseln müsste, als es bislang geplant sei.

Kanzlerin Angela Merkel kündigte an, Konsequenzen für Deutschland zu prüfen. Nach einem derartigen Vorfall in einem so hochtechnisierten Land wie Japan könne man aber auch in Deutschland "nicht zur Tagesordnung übergehen". Die Betreiber der deutschen Kernkraftwerke jedoch warnten vor einer neuen Atomdebatte und verwiesen auf ihre Sicherheitsvorkehrungen. RWE kündigte an, seine AKW wie geplant länger am Netz lassen.

Auch die Deutsche Energie-Agentur (Dena) fordert eine Rückkehr zum Atomausstieg. "Das ist das Mindeste. Deutschland sollte wieder auf diesen Pfad einschwenken und die Kernkraftwerke wie im Atomausstiegsbeschluss vorgesehen abschalten", sagte Dena-Geschäftsführer Stephan Kohler dem Handelsblatt. Kohler forderte darüber hinaus die Abschaltung jener in Deutschland noch aktiven Reaktoren, die mit der japanischen Anlage vergleichbar sind: "Die sechs Siedewasserreaktoren, die in Deutschland noch laufen, müssen sofort vom Netz." Zusätzlich kritisierten verschiedene Umweltorganisationen die Atompolitik der deutschen Regierung. Der Vorsitzende der Umweltschutzorganisation BUND, Hubert Weiger, sagte: Wenn die Kanzlerin AKW auf den Prüfstand stellen wolle, müsse das bedeuten, alle Atomkraftwerke in Deutschland abzuschalten, "die ältesten und gefährlichsten Anlagen sofort"

Das lehnen die deutschen AKW-Betreiber aber ab. "Alter ist kein Maßstab für die Sicherheit einer Anlage. Entweder ein Atomkraftwerk erfüllt die Sicherheitsanforderungen oder nicht", sagte das Vorstandsmitglied der RWE Power AG, Gerd Jäger. EnBW-Chef Hans-Peter Villis sagte, eine politische Diskussion in Deutschland um die Zukunft der Atomkraft könne aufgrund der noch ungesicherten Fakten jetzt noch nicht technisch fundiert geführt werden. "Wir müssen die technischen Vorgänge in den japanischen Kernkraftwerken auf Basis gesicherter Erkenntnisse analysieren und uns dann fragen, welche Konsequenzen wir aus diesen Geschehnissen für unsere Kernkraftwerke ziehen", sagte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.