Das Verteidigungsministerium hat sich von dem Marine-Bericht zur Gorch-Fock-Affäre distanziert. Staatssekretär Rüdiger Wolf wollte sich das 98-seitige Papier, das die Führung des Schulschiffs entlastet, im Verteidigungsausschuss nicht zu eigen machen.

Vertreter von Koalition und Opposition reagierten irritiert bis empört auf das Vorgehen. Der Ausschuss setzte seine lange geplanten Beratungen über die Gorch-Fock-Affäre nach der Erklärung Wolfs am Mittwoch aus.

Die Untersuchungskommission der Marine zur Gorch Fock war im Januar 2010 vom damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) nach Berichten über massive Missstände auf dem Segelschulschiff eingesetzt worden. Guttenberg hatte Kapitän Norbert Schatz im Januar vorläufig suspendiert und die Rückkehr des Segelschulschiffs nach Deutschland angeordnet.

Für den Marine-Bericht befragten die Ermittler innerhalb eines Monats 221 Offiziersanwärter und 192 Angehörige der Stammbesatzung. Das Gremium kam zu dem Schluss, dass die zahlreichen Vorwürfe zu einem großen Teil nicht zutreffen.

Der Bericht widerspricht vor allem dem Kernvorwurf mehrerer Kadetten, sie seien nach dem tödlichen Sturz einer Kameradin aus der Takelage von ihren Ausbildern genötigt worden, wieder in die Segel zu klettern. "Einzelne Lehrgangsteilnehmer" hätten die Enterausbildung zwar "als negativ" empfunden. Dass die Ausbilder nach dem Unfall "unangemessen massiven Druck" zum Aufentern ausgeübt hätten, könne durch die Untersuchungen aber "nicht bestätigt werden".

Soweit einzelne Vorwürfe teilweise bestätigt worden seien, hätten sie "bei weitem nicht die Qualität" besessen, die ihnen ursprünglich beigemessen worden sei. Die Grenzen der Zumutbarkeit und Verhältnismäßigkeit seien bis auf einen Einzelfall nicht überschritten worden.

Die Kommission stellte zudem kein grundsätzliches Führungsproblem auf der Gorch Fock fest. Auf einzelne Verstöße gegen die Prinzipien der inneren Führung hätten die Verantwortlichen in der gebotenen Weise reagiert. Allerdings mahnt die Kommission eine Verstärkung der Dienstaufsicht an, um die Herausbildung "inoffizieller Strukturen" an Bord zu verhindern.

Damit könne man unter anderem dem Eindruck einiger Offiziersanwärter entgegenwirken, das Schiff befinde sich nach Dienstschluss in den Händen der Unteroffiziere. Auch zu den Vorwürfen des Alkoholmissbrauchs und der sexuellen Übergriffe fand die Kommission keine Anhaltspunkte.

Der Bericht war in der vergangenen Woche an den Marineinspekteur Axel Schimpf übergeben und anschließend mit einem Anschreiben des Parlamentarischen Staatssekretärs Hartmut Kossendey an die Ausschuss-Mitglieder weitergeleitet worden.

Bei den Abgeordneten hatte der Bericht unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold warf der Untersuchungskommission vor, Missstände auf dem Segelschulschiff zu verharmlosen.

Auch Hellmut Königshaus (FDP), Wehrbeauftragter des Bundestages, kritisierte die Untersuchung der Marine. In einer Stellungnahme für den Verteidigungsausschuss warf Königshaus der Marine vor, der Bericht sei nicht in allen Bereichen schlüssig. Gerade die zentralen Vorwürfe  gegen die Schiffsführung und den Umgang mit der Besatzung habe der Bericht überhaupt nicht aufgeklärt, schreibt Königshaus. Er forderte eine "eindeutige Stellungnahme des Bundesverteidigungsministers".

Dass sich das Verteidigungsministerium vom Bericht distanzierte, löste allerdings auch Kritik aus, selbst Koalitionsabgeordnete zeigten sich verwundert: "Es kann nicht sein, dass wir als Parlament hier eine Distanzierung erleben", sagte die FDP-Politikerin Elke Hoff. Der Grünen-Verteidigungsexperte Omid Nouripour sagte, er habe "so etwas noch nicht erlebt". "Der Minister ist jetzt gefragt, diese Sache aufzuklären und das zur Chefsache zu machen." Minister Thomas de Maizière (CDU) hatte zuvor erklärt, er wolle die Affäre nicht zur Chefsache machen. Andere Politiker von Union, SPD und Grünen sahen Kapitän Norbert Schatz dagegen entlastet.