Frankfurter Allgemeine Zeitung: Personalpolitisch am Ende

Jeder ist ersetzbar. Wenn das tatsächlich so wäre, dann hätten Seehofer für die koalitionspolitisch zuständige CSU und Frau Merkel als die verfassungsrechtlich vorschlagsberechtigte Bundeskanzlerin schon eine Stunde nach der Rücktrittserklärung Guttenbergs den Nachfolger oder die Nachfolgerin im Amt des Verteidigungsminister vorstellen können. Doch beiden fiel es augenscheinlich schwer, jemanden zu benennen, der auf Anhieb den schwierigsten Auftrag übernehmen wollte und könnte, die Bundeswehr neu aufzustellen und bis zum vollständigen Abzug aus Afghanistan unabsehbar viele Trauerreden zu halten. Die Union ist personalpolitisch – wieder einmal – ziemlich am Ende ihrer Vorräte.

Frankfurter Rundschau: Rücktritt als Ankündigung des Comebacks

Seine Rücktrittserklärung als Minister geriet in Wahrheit zur Ankündigung eines Comebacks. Denn wie nur sollte Guttenbergs Partei in mittlerer Frist auf einen wie ihn verzichten können? Auf einen Herzblut-Politiker, einen von Verantwortung, Gestaltungswillen und – Achtung! – Anstand Geprägten und Getriebenen. Diese bis zuletzt durchgehaltene Stilform der Scheinaufrichtigkeit ist auch der Grund, warum Guttenberg für seinen Rücktritt tatsächlich keinen Respekt erwarten darf, wie er es am Dienstag in einem kurzen Aufblitzen von Wahrheit festgestellt hat. Persönliches Format ist keine Frage pathetischer Formulierungen.

Süddeutsche Zeitung: Guttenberg wird populär bleiben

Gerade weil Guttenberg eine Celebrity ist, wird er den Rest seiner Tage nicht auf dem Stammschloss verbringen. Es ist absehbar, dass er für einen eher großen Teil der Bevölkerung in ein paar Wochen jener Mann sein wird, der sich der Verantwortung gestellt hat. Er wird populär bleiben, und an die Dissertation werden nur die ewigen Nörgler erinnern. Er selbst wird ein Buch schreiben, vielleicht über "Politik in der Erregungsgesellschaft". Bild wird es abdrucken. Man wird eine Debatte führen über Köhler, Sarrazin und jetzt auch noch Guttenberg. Und bis 2013, wenn man in Bayern und im Bund wählt, vergehen ja noch Jahre der Läuterung.

Bild: Die Angst des grauen Mittelmaßes

Das Volk war mehrheitlich bereit, Guttenberg zu verzeihen. Weil er begeisterte, weil er vielen den Glauben an die Politik zurückgegeben hatte. Das graue Mittelmaß an den Hebeln der Macht sah das anders, fühlte sich vom Erfolg des Ausnahmepolitikers bedroht. Guttenberg, der natürlich einen schwerwiegenden Fehler gemacht hat, wurde nicht verziehen. Wer glaubt, sein Rücktritt bleibe nun vor allem als Akt der politischen Selbstreinigung im Gedächtnis, der irrt. Der Sturz des Verteidigungsministers markiert eine Zäsur: Die beängstigende Entfremdung zwischen Regierten und Regierenden, zwischen der Bevölkerung und der Politik. Wenn eine repräsentative Demokratie sich aber so weit von den Menschen entfernt, entfernen sich irgendwann die Menschen von der Demokratie.

Berliner Morgenpost: Medienmacht ist keine Hilfe

Viel wurde in den vergangenen Tagen lamentiert über den Niedergang der politischen Kultur – zu Unrecht. Ein Rücktritt, vor allem dieser, spricht im Gegenteil für das Funktionieren demokratischer Mechanismen. Weder Medienmacht noch Beharrungswillen helfen, anders als etwa in Berlusconi-Italien, gegen öffentliche Beweise, die sich nicht wegbagatellisieren lassen. Zur politischen Kultur gehört allerdings auch, dass das Recht auf eine zweite Chance gewährleistet bleibt. Zu Guttenberg hat zwar gefehlt, aber kein Kapitalverbrechen begangen. Der Freiherr hätte sein Comeback leichter organisieren können, wäre er nach dem Vorbild der Bischöfin Käßmann früher abgetreten. Wenn zu Guttenberg tatsächlich über die Qualitäten verfügt, die ihm nachgesagt werden, dann wird er diesen Umweg durchstehen und gestählt zurückkehren.

Kölner Stadt-Anzeiger: Sehnsucht geweckt, befriedigt und – enttäuscht

Guttenberg hinterlässt ein Paradoxon, dass womöglich noch nach ihm benannt wird: Sein Einzug in die große Politik hat die Sehnsucht vieler Bürger nach charismatischer Führung nachhaltig geweckt, befriedigt und schließlich bitter enttäuscht, weil er seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden konnte. Doch die Sehnsucht wird dadurch nicht geringer, sondern eher noch größer werden. Und der Blick auf die derzeit politisch Verantwortlichen noch unbarmherziger.

Badische Zeitung: Rücktritt kam zu spät und hinterlässt Schäden

Der Rücktritt kam spät und hinterlässt Schaden. Er stoppte jäh die Karriere eines großen politischen Talents, das sich selbst keine Chance gab, zu reifen. Gerne ließ er sich zur Projektionsfläche für Sehnsüchte nach einem zupackenden, ehrlichen Staatsmann machen. Was bleibt, sind respektable Ansätze, aber kein zu Ende gebrachtes Projekt. Ob Guttenberg mit Abstand eine zweite Chance erhält, wird davon abhängen, welche Lehren er und seine Partei aus diesem Fall ziehen.

Lübecker Nachrichten: Nicht Opfer, sondern Täter

Es stimmt, der junge Baron war ein unglaublich populärer Verteidigungsminister. Aber er war es gerade mal 16 Monate, und er vergisst, dass es auch vor ihm Politiker gab, die dieses Amt auszufüllen wussten. Auch da fehlt ein Stück Demut. Zurück bleiben die durch ihre Treueschwüre blamierte Kanzlerin und eine geschockte Union, die ihren Hoffnungsträger verloren hat. Für Guttenberg und seine Freunde mag der Rücktritt eine Tragödie sein, für Deutschland ist er es nicht. Der Freiherr taugt nicht zum Märtyrer. Er ist kein Opfer, sondern Täter.

Berliner Zeitung: Merkel ist doppelt beschädigt

Die Politikerin Merkel, die Bundeskanzlerin, bleibt jetzt, nach Guttenbergs Rücktritt im Alleingang, doppelt beschädigt zurück. An diesem 1. März ist klar geworden, dass die Krisenmanagerin Merkel versagt hat, dass sie nicht handelt, nicht Regie führt. Ihr erster Fehler lag darin, Guttenberg zu stützen. Ihr zweiter Fehler lag darin, sich von seinem Rücktritt überrumpeln zu lassen. Die Kanzlerin steht jetzt nackt da, ohne Autorität, an der Nase herumgeführt von einem jungen Politiker aus Bayern.

Heilbronner Stimme: Merkels schwerwiegende Fehler

Verlierer ist nicht nur Guttenberg, der Hoffnungsträger der Union, in dem viele einen kommenden Kanzlerkandidaten sahen. Auch Angela Merkel hat mit ihrer bedingungslosen Unterstützung für den CSU-Politiker und mit der Verniedlichung der Vorwürfe schwerwiegende Fehler begangen. Weil sie weiß, wie sehr der Verlust des beliebtesten Ministers ihr und der CDU schadet. Das ist im Südwesten nicht anders, wo Ministerpräsident Mappus (CDU) den Verteidigungsminister als wichtigsten Wahlkampfredner fest eingeplant hatte.

Tagesspiegel (Berlin): Merkel ist eigentliche Verliererin

Übrig bleibt nun ein Gefühl der Schalheit, und zwar gleichwie der Politiker Guttenberg gesehen wird. Denn da ist eine Regierungschefin, die weder aufrecht an der Seite des Ministers gestanden, noch Grundüberzeugungen ihrer Partei zur Geltung verholfen, hat, als es nötig war: Den bürgerlichen Werten von Anstand und Ehrlichkeit. So hat sich Angela Merkel selbst zur eigentlichen Verliererin der Plagiatsaffäre gemacht. Karl-Theodor zu Guttenberg ist abgegangen, wie es seine Art ist. Und hinterlässt einen Scherbenhaufen. Nur dass er den nicht mehr wegräumen muss. Was kann da vorbei sein?

Tageszeitung (Berlin): Merkel agiert zynisch  

Auch das Bild von der vermeintlich integeren Kanzlerin, die auch von vielen, die ihr parteipolitisch alles andere als nahe stehen, geschätzt wird, ist spätestens seit gestern endgültig Geschichte. Schon im Atomkompromiss des vergangenen Jahres hat sich abgezeichnet, wie kalt und berechnend Merkel sich den mächtigen Lobbyverbänden unterordnete. Das Festhalten an Karl-Theodor zu Guttenberg sogar über seinen Rücktritt hinaus belegt, wie zynisch sie als Machtpolitikerin inzwischen agiert.