Walter Kubach könnte einem fast Leid tun. Der Wahlkreiskandidat der Linkspartei aus dem schwäbischen Bietigheim hat sich zur Podiumsdiskussion im örtlichen Kleinkunstkeller einen Button angeheftet: "Atomkraft, nein Danke!" Dafür wird er nun vom Moderator ordentlich verspottet: Ob er nicht das letzte Mal einen Button gegen Stuttgart 21 dabei hatte? Und davor einen gegen Hartz IV? Und warum eigentlich im Wahlkampfprogramm der Linken die Atomkraft nicht erwähnt wird?

Kubach stammelt ein wenig, dass er persönlich schon in den Achtzigern gegen die AKW protestiert habe – und dass da sehr wohl im Programm eine Passage sei, die auf die Gefahren der Kernkraft hinweist. Aber ernst genommen wird er in der Debatte nicht mehr.

Ähnlich geht es der gesamten Partei im baden-württembergischen Wahlkampf : Sie problematisiert zwar vieles, was die Gesellschaft umtreibt. Aber richtig wahrgenommen wird sie nicht, was möglicherweise damit zu tun hat, dass ihr Protest recht wahllos und inflationär daherkommt. Die Slogans ähneln sich frappierend: "Raus aus der Atomkraft", steht da nun auf Postern und Flyern in weißer Schrift auf rotem Grund. Daneben im selben Design: "Raus aus Afghanistan", "Schluss mit Hartz IV".

Auch die Reden der Spitzenpolitiker im Wahlkampf klingen so. Gregor Gysi etwa, der im benachbarten Ludwigsburg auftritt, braucht am Ende seiner Rede gar mehrere Minuten, um die Punkte zusammenzufassen, zu denen seine Partei alles "Nein" sagt, wie er es formuliert. Neben den bereits genannten kommt noch der Krieg gegen Libyen dazu, die Rente mit 67 und die prekäre Beschäftigung. Außerdem: die Rüstungsindustrie als solche, die Steuer-Ungerechtigkeit – und noch weitere, meist bundespolitische "Missstände".

Gysi sagt, ihm gefalle der "rebellische Zeitgeist" in Baden-Württemberg. Überall werde protestiert: gegen Bahnhöfe , Kernenergie, etc. Nur ob seine Partei davon profitieren kann, ist fraglich. Anders als den Grünen wird ihr von Bürgern wie Politikern bei den Top-Themen Atomkraft und S21 wenig Kompetenz zugetraut. Nicht einmal als Abschreckungsgespenst der bürgerlichen Parteien musste sie im Wahlkampf bislang übermäßig herhalten. Als "Dagegen-Partei" werden die Grünen beschimpft. Die Linken wären über ein solches Etikett vermutlich sogar froh.

Aber stattdessen werden sie ignoriert: Er habe noch "kein Gespräch" mit den Spitzen der Linkspartei geführt, sagt beispielsweise SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Er glaube auch nicht, dass es die Partei in den Landtag schaffen werde. Womit er recht haben könnte: Seit Monaten wird die Linke eher bei vier als bei fünf Prozent gehandelt.

Anderseits war das bei den Wahlen in westdeutschen Bundesländern zuletzt immer so: Der Parlamentseinzug der Linken galt im Vorfeld als zweifelhaft, meist schafften sie es aber doch recht locker. Auch in Stuttgart käme ihr Erfolg nicht völlig überraschend. Das Wählerpotenzial ist durchaus vorhanden. Bei der Bundestagswahl 2009 holte die Linke 7,2 Prozent in Baden-Württemberg. Vor allem in den Großstädten schnitt sie stark ab. Aber auch sonst ist sie breitflächig vertreten. Schließlich ist die Metall- und Auto-Industrie über das ganze Ländle verteilt, und somit auch die IG Metall und andere Linken-freundliche Gewerkschaften.