Eigentlich sollte es ein ganz normaler Wahlkampftermin in der Turnhalle von Mittelbiberach werden. Der Biberacher CDU-Landtagskandidat und baden-württembergische Sparkassenpräsident Peter Schneider hatte in das oberschwäbische Dorf geladen. Kaffee und Kuchen sollte es geben, dazu eine feurige Rede des Ministerpräsidenten Stefan Mappus, so hätte es ablaufen sollen.

Doch stattdessen erschien an diesem Mittag nicht nur Mappus in dem Provinznest , sondern auch – auf sein Geheiß – Umweltministerin Tanja Gönner und der Innenminister Heribert Rech. Grund hierfür war eine Krise, die in allen Gesichtern stand und von denen alle Stuttgarter Kabinettsmitglieder wussten, dass sie schleunigst eingedämmt werden muss.

Am Samstag war es bei einer Anti-Atomkraft-Demonstration zu einem unerwarteten Massenauftrieb gekommen. Nach Polizeiangaben 60.000 Demonstranten hatten zwischen Stuttgart und dem Atomkraftwerk Neckarwestheim eine 45 Kilometer lange Menschenkette gebildet und den sofortigen Atomausstieg gefordert. Dass die drohende Katastrophe von Fukushima solch eine Resonanz in der Bevölkerung auslösen würde, hatte niemand geahnt. Die Veranstalter selbst hatten mit nur rund 40.000 Teilnehmern gerechnet. Die Opposition im Stuttgarter Landtag frotzelte umgehend, die Angst der Wähler vor einer Wiederholung des Unglücks in Deutschland werde  nun zum Tsunami für die schwarz-gelbe Regierungskoalition in Stuttgart.
 
Die Rededauer, die Stefan Mappus in einem Nebenraum der Mittelbiberacher Sporthalle vor Journalisten für sich in Anspruch nahm, sagte über die Dramatik der Situation zwei Wochen vor der Landtagswahl nichts . Der ernste Ton umso mehr. Genau acht Minuten lang gab der Regierungschef Auskunft über seine Haltung zum drohenden GAU in Japan. Kein Wort verlor er dabei über die Großdemonstration vor seiner Haustür am Tag vorher.  "Unsere Kraftwerke sind sicher", behauptete Mappus. Er schränkte jedoch ein: "Es gibt offene Fragen, die zu beantworten sind."
 
Mappus sagte, er habe eine Expertenkommission eingesetzt, die analysieren solle, was in Fukushima passiert sei. "Dabei werden alle denkbaren Möglichkeiten geprüft", versprach er. Auch habe er Inspekteure der Atomaufsichtsbehörden aufgefordert, explizit die baden-württembergischen Anlagen zu überprüfen. Sollte sich bei den Untersuchungen eine bisher nicht bekannte Fehlerquelle im Sicherheitssystem der Kernkraftwerke auftun, würden "alle Konsequenzen gezogen". Mappus präzisierte: "Kernkraftwerke, die nicht den erforderlichen Sicherheitsbestimmungen genügen, werden sofort abgeschaltet."
 
Dieses Versprechen könnte Mappus tatsächlich ohne privatwirtschaftliche Hemmnisse umsetzen. Mit dem Kauf der Aktienmehrheit am Karlsruher Konzern Energie Baden-Württemberg (EnBW) Anfang Dezember vergangenen Jahres ist das Land quasi Eigner aller vier Kernkraftwerke im Südweststaat geworden: Neckarwestheim I und II sowie Philippsburg I und II.

Doch der kreditfinanzierte Aktienkauf von der Electricité de France im Volumen von 4,67 Milliarden Euro, den Mappus mithilfe eines Notstandsgesetztes am baden-württembergischen Landtag vorbei einfädelte, ist in diesem Wahlkampf nun zum doppelten Problem geworden. Bisher musste der Regierungschef vor allem die Attacken der Opposition parieren, die ihm vorwirft, die Rechte des Landtags missbraucht und das Land einem unübersehbaren Schuldenrisiko ausgesetzt zu haben. Jetzt muss Mappus auch noch einer beunruhigten Öffentlichkeit erklären, weshalb die baden-württembergischen Kraftwerke sicherer sein sollen als der brennende Meiler in Japan. "Wir sind nicht Japan mit seinen regelmäßig stattfindenden Erdbeben", sagt der Premier in Mittelbiberach. Auch herrsche in Baden-Württemberg "keine Tsunami-Gefahr". Um jeden Eindruck von Ironie zu zerstreuen, wiederholte Mappus allerdings: "Man kann an solch einem Tag nicht einfach sagen, unsere Kraftwerke sind sicher." Die Sicherheit habe aber oberste Priorität.
 
Die CDU-Regierungsmannschaft hat ein Zeitproblem. Sie kann ihre Glaubwürdigkeit in Sachen Atompolitik bis zum Wahltermin nicht mehr belegen. Bis die technischen Prüfungen durch Experten abgeschlossen sind, werden Wochen vergehen. Mappus betonte wohl auch deshalb in Mittelbiberach, die Kernkraft sei für ihn immer "eine zeitlich befristete Brückentechnologie" gewesen. Im Übrigen halte er das Thema für zu ernst, um es für den Wahlkampf zu "missbrauchen".