Das Stadion glich einem Hexenkessel. So beginnen eigentlich nur Sportreporter. Aber in diesem Fall trifft das auch auf die Wahlkampfveranstaltung der CDU in Ludwigsburg zu. Unter dem Motto "Endspurt" hatte die Partei in die örtliche Arena geladen. Normalerweise trägt hier der Basketballbundesligist EnBW Ludwigsburg seine Heimspiele aus.

Am Mittwochabend bekommt das Publikum Anderes geboten: Einen zornigen Ministerpräsidenten, eine kampfeslustige Kanzlerin, 5000 aufgeputschte Christdemokraten – und schätzungsweise 50 Demonstranten, die sich unter das Publikum gemischt haben und die Stimmung aufheizen. Es gibt Pfeifkonzerte, Beifallsstürme und hitzige Auseinandersetzungen auf den Zuschauerrängen. Nicht nur die Kanzlerin fürchtet einige Momente lang, dass die Arena überkocht. Einmal ruft sie, mehr an die eigenen Anhänger gerichtet: "Bleibt ruhig!"


Schon vor dem Anpfiff pardon: Vor der ersten Rede brodelte es in der Ludwigsburger Innenstadt. Eine bunte, große Protesttraube hat sich auf der Treppe und dem Vorplatz der Arena versammelt. Grüne, Jusos, Linke, Bürgerinitiativen, Bahnhof- und Bäumeschützer verteilen Flyer und skandieren Parolen. Die CDU-Anhänger, die zur Veranstaltung wollen, müssen sich mühsam den Weg bahnen. Ein Spießrutenlauf.

Rein kommt nur, wer eine Eintrittskarte hat. Die meisten Tickets hat die CDU bewusst an Mitglieder im ganzen Bundesland verteilt. "Für Interessierte" gibt es wenige Restkarten, vor deren Ausgabestelle sich eine lange Schlange gebildet hat. Mehrere Hundert müssen draußen bleiben. Vermutlich wäre diese Wahlkampf-Party noch turbulenter abgelaufen, hätte man den Zustrom nicht reguliert oder sie im Freien, etwa auf einem Marktplatz, stattfinden lassen.

Aber auch eine Arena hat ihre besondere Akustik. Wenn ein paar Dutzend Menschen aus voller Kehle buhen und pfeifen, ist es schon ganz schön laut. Wenn aber noch mal 5000 Menschen versuchen dies zu überklatschen und mit "Stefan"-Rufen zu übertönen, dann ist an eine ernsthafte politische Veranstaltung kaum mehr zu denken.

Stefan Mappus ist das inzwischen gewohnt. In den vergangenen Wochen gab es kaum einen Auftritt, bei dem er nicht unfreundlich empfangen wurde. Selbst in den kleinsten Dörfern begrüßt ihn meist ein Pfeifkonzert, wenn er aus dem Bus steigt. In den Sprechchören geht es dann um die Atomkraft oder um Stuttgart 21. Kalt lässt Mappus das nicht. Selbst Parteifreunde bezeichnen ihn als emotional, manche als dünnhäutig. In seinem Bus lässt er sich genau durchtelefonieren, wie viele Störenfriede und wie viele Parteianhänger diesmal warten.

Auch heute ist Mappus angespannt. Er sitzt in der ersten Reihe der Arena und tut so, als würde er der Kanzlerin zuhören. Tatsächlich aber schweift sein Blick unruhig über die Ränge und hält nach Störquellen Ausschau. Die Kanzlerin wird permanent von Zwischenrufen unterbrochen: "Pfui", "Lügenpack", "Gorleben" und so weiter. Das wiederum sorgt für Raunen und Unruhe unter den eigenen Anhängern.

Wer da stört, ist nicht leicht zu erkennen. Auf den ersten Blick wirken sie genau so bürgerlich und gut situiert wie die meisten CDU-Anhänger. Sie tragen Anzüge, Krawatten, Halstücher und Perlenketten. Viele sind jenseits der 50. In einer der versprengten Grüppchen sitzt die älteste Dame ganz außen in der Reihe. Sie brüllt mit am lautesten.

Den CDU-Anhängern neben ihnen platzt der Kragen. Man schnauzt sich an. JU-Ordner in orangenen Jacken flitzen umher und versuchen die eingeschmuggelten Schilder und Transparente zu erhaschen. Wenn es gelingt, jubelt der gegenüberliegende Rang. Konzentriert ist kaum jemand. Mappus am wenigsten.

Noch unruhiger wird es, als er selbst ans Rednerpult tritt. Merkel hatte noch mit Kampfeslächeln angekündigt, guten Mutes zu sein: "Wenn die Anzahl von Andersdenkenden" so gering sei, "wie in dieser Halle", dann habe die CDU am Sonntag "kein Problem".

Auch Mappus hat ein paar kernige Sprüche vorbereitet, auch ein paar versöhnliche, nachdenkliche. Seine Wahlkampfreden sind ohnehin weniger polemisch, als einst etwa die von Roland Koch, obwohl er dessen Berater Dirk Metz zu seinem Wahlkampfberater machte. Aber richtig bekommt das keiner mit. Denn bald schon krächzt er mit heiserer Stimme gegen die Unruhe an. Ernste Sätze über Japan lassen sich so – "Mappus raus" – kaum zu Ende bringen.

Anders als Merkel sucht Mappus nicht den Dialog, sondern bald die Konfrontation mit dem Protestpublikum. Hatte die Kanzlerin noch "seid tolerant" gerufen, verabschiedet sich Mappus bald von seiner Landesvaterrolle, in der sich selbst eigentlich am liebsten sieht. Er schimpft auf die "Radaubrüder", die zu wenig "Kopf" und zu viel "Kehlkopf hätten" – und bringt so Freund wie Feind weiter in Wallung.