Das Moratorium der Regierung zu den AKW-Laufzeiten ist zwei Tage alt. Noch ist die Stimmungslage zu unübersichtlich, um die Wirkung auf die Wähler genau zu beschreiben. Die Analysen unterscheiden sich. Einig sind sich Wahlforscher darin, dass die Grünen von dem atompolitischen Hakenschlag der Koalition profitieren werden. Was dieser jedoch für die Regierung und ihre christdemokratische Chefin bedeutet, beschreiben die Umfrage-Experten unterschiedlich.

Der Bielefelder Wahlforscher Klaus-Peter Schöppner sieht Kanzlerin Angela Merkel in ihrer Glaubwürdigkeit gestärkt. Angesichts der Atomkatastrophe in Japan sei der vollzogene Meinungsumschwung politisch erwartbar und damit schlüssig. "Die Bürger bewerten den Schwenk der Kanzlerin höher als den damit verbundenen Verlust an Glaubwürdigkeit", sagte der Chef des Institutes TNS Emnid im Gespräch mit ZEIT ONLINE.

Schöppners Kollege Manfred Güllner rechnet dagegen mit massiven Nachteilen für die CDU. "Den Kursschwenk werden die Bürger der CDU als Opportunismus auslegen", sagte der Chef des Umfrageinstitutes Forsa ZEIT ONLINE und führte als Beleg die Entwicklung nach Katastrophe von Tschernobyl 1986 an. Damals verlor die oppositionelle SPD an Sympathie, weil die Menschen deren atomkritischen Kurs als reinen Aktionismus werteten, sagt Güllner. Die CDU/FDP-Regierungskoalition unter Helmut Kohl habe hingegen an Ansehen gewonnen, weil sie konkret handeln konnte und das bis dahin nicht existente Umweltministerium schuf, so Güllners Erklärung.

Nun begehe die CDU den Fehler der SPD. "Kanzlerin Merkel wäre gut beraten gewesen, erst mal nach Japan zu schauen und Hilfe anzubieten, und dann zu sehen, was in Deutschland notwendig ist", erörtert Güllner.

Im Unterschied zu Schöppner sieht der Forsa-Chef durch das Moratorium die Glaubwürdigkeit der Kanzlerin beschädigt. "Die Menschen hätten es besser gefunden, wenn FDP und Union gesagt hätten, wir haben gute Gründe für die Laufzeitverlängerung." Stattdessen schalte die Regierung nun alte Kraftwerke ab, deren Laufzeitverlängerung sie im vergangenen Herbst noch mit vielen Argumenten verteidigt habe.

Umfragen beider Institute ergaben, dass die Angst der Deutschen vor der Atomkraft seit Japan deutlich gestiegen ist. Eine große Mehrheit ist für den Ausstieg binnen weniger Jahre. "Die Menschen schauen ängstlich nach Japan", sagt Güllner.

Der Berliner Sozialforscher erwartet auch, dass das Moratorium die anstehende Landtagswahl in Baden-Württemberg beeinflusst, bei der CDU-Ministerpräsident Stephan Mappus um die Regierungsmacht bangt. "Ich gehe davon aus, dass Mappus durch die Fehlentscheidung der Kanzlerin weg ist", sagte Güllner. Wie die Kanzlerin habe sich der Regierungschef in den Widerspruch verwickelt, mit dem AKW Neckarwestheim-1 jetzt ein Kraftwerk abzuschalten, das er zuvor noch als sicher bezeichnet hatte.

Beide Experten stimmen darin überein , dass die CDU durch das Moratorium einen Teil ihrer Stammwähler verlieren könnte. "Die CDU hat zur Wahl in Baden-Württemberg jetzt Mobilisierungsschwierigkeiten", sagt Güllner. Und die Wechselwähler, die Merkel in den vergangenen Jahren den Grünen abspenstig gemacht habe, gingen nun auch wieder weg. "Die Grünen werden nun zum Sammelbecken für enttäuschte Wähler", sagt Güllner.

Schöppner sagt , die CDU könne den Stammwähler-Schwund vielleicht durch die von ihr vermittelte Kompetenz und ihr Image als Krisenbewältigungspartei ausgleichen. Wie lange, werden die nächsten Umfragen zeigen. In einer am Montag erstellten Umfrage war die Union noch stabil. Von dem Moratorium wussten die Befragten da aber meist noch nichts.