ZEIT ONLINE: Herr Schöppner, wie kommt der Schwenk im Atomkurs der Koalition beim Wähler an?

Klaus-Peter Schöppner:Kanzlerin Merkel hat sich zumindest nicht geschadet. Angesichts der Atomkatastrophe in Japan ist der vollzogene Meinungsumschwung politisch erwartbar. Die Bürger bewerten den Schwenk der Kanzlerin höher als den damit verbundenen Verlust an Glaubwürdigkeit. Denn Angst ist eine große Triebkraft für Veränderungen in Deutschland. Und die Katastrophe in Japan hat die Ablehnung der Atomkraft in Deutschland größer gemacht – ähnlich wie nach Tschernobyl.

ZEIT ONLINE: Wer gewinnt dadurch? In den nächsten Tagen stehen ja wichtige Landtagswahlen an.

Schöppner: Dass die Atomdiskussion in den Wahlkampfendspurt fällt, ist Zufall. Die Grünen haben viel Gegenwind ausgehalten, als sie vergangenes Jahr gegen die AKW-Laufzeitverlängerung kämpften. Die werden als sehr glaubwürdig empfunden, weil sie schon seit 20 Jahren für Klimaschutz und Nachhaltigkeit kämpfen. Mittlerweile findet sich das ja in allen Wahlprogrammen. Die Grünen haben aber mit ihrer Verlässlichkeit und ihren Visionen viel Akzeptanz zurückgewonnen.

ZEIT ONLINE: Was heißt das für die Wahl in Baden-Württemberg, wo die Regierungsmacht der CDU gefährdet ist?

Schöppner: Die Grünen reizen mit den etwa 25 Prozent in Baden-Württemberg ihr Potenzial aus. Ob sich bis zur Wahl zwischen ihnen und der CDU noch viel bewegt, hängt auch davon ab, ob die derzeitige emotionale Diskussion bis dahin wieder pragmatisch geführt wird.

ZEIT ONLINE: Verlangen die Menschen in einer Situation wie derzeit eher nach starker Führung, vertrauen also deshalb der Merkel-Regierung?

Schöppner: Die Bürger verlangen nach Führung und Kompetenz, und das vermittelt die Union derzeit am stärksten. Der bessere Sachverwalter für das Thema Atomkraft sind jedoch die Grünen. Das dürfte der Grund dafür sein, dass sich die Auswirkungen der Atomkatastrophe in den Umfragewerten der Parteien derzeit nahezu neutralisieren.

ZEIT ONLINE: Die Union musste zuletzt mehrere ihrer Kernthemen opfern: Die Wehrpflicht ist ausgesetzt, ihre Familienpolitik ist liberalisiert, nun ist auch noch die Kernkraft weg. Wofür steht die Union eigentlich noch?

Schöppner: Das ist eine gute Frage. Die Union steht für eine Politik etwas rechts von der Sozialdemokratie. Ich bezweifle allerdings, dass das Thema Kernenergie in der derzeit emotional aufgeladenen Situation für die Union ein großer Verlust ist. Der Wegfall anderer Kernthemen war schmerzlicher.

Doch die CDU vergrault mit der Atom-Wende ihre konservativen Stammwähler. Sie wechseln nicht zu anderen Parteien, sondern bleiben am Wahltag zu Hause. Dagegen wiederum steht, dass die CDU als Regierungspartei immer noch am kompetentesten daherkommt. Das ist ihr Image. Sie hat immer noch die besten Politiker. Sie hat seit den Finanzmarkt- und Konjunkturproblemen der vergangenen Jahre den Krisenbewältigungsbonus.

ZEIT ONLINE: Bei Lichte betrachtet, hat Merkel jetzt mehr Kraftwerke abgeschaltet, als SPD und Grüne es mit ihrem Atomausstiegsbeschluss von 2000 geschafft hätten...

Schöppner: Daran zeigt sich, dass die politischen Parteien in Deutschland nicht mehr abgegrenzte Milieus repräsentieren und vertreten. Jedes politische Thema ist mittlerweile durch eine starke Ambivalenz geprägt. Das Sinnbild der ideologischen Partei gibt es nicht mehr. 90 Prozent der Entscheidungen fallen entsprechend aktueller Notwendigkeit nach dem Management-Prinzip. Konzepte und Visionen spielen eine untergeordnete Rolle.