Am 20. März wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt . In der vergangenen Woche porträtierten wir aus diesem Anlass die Stadt Sangerhausen , die für ein grundsätzliches Problem in Sachsen-Anhalt steht: Abwanderung, schlechte Qualifikation, Arbeitslosigkeit. Anders sieht es in Bitterfeld aus.

Eigentlich müsste man die Stadt Bitterfeld komplett demontieren und direkt neben der Strickjacke Helmut Kohls im Museum für Deutsche Geschichte wieder aufbauen. Nichts veranschaulicht die Tiefe des Umbruchs von 1989 mehr als die zwei Geschichten, die Bitterfeld zu erzählen hat.

Die erste, die schlimme, ist bis heute die bekanntere. Die Stadt war Zentrum der chemischen Industrie und des Braunkohleabbaus – die Folgen für Anwohner und Umwelt waren furchtbar. 180 Tonnen Flugasche gingen an jedem Tag ungefiltert über der Stadt nieder. 

"Bitterfeld war das größte Drecknest unter der Sonne", sagt einer, der hier schon immer lebte. "Eine Stadt voller Scheiße." Die DDR-Journalistin Monika Maron war die erste, die das zu Papier brachte. 1981 veröffentlichte sie im Westen den Roman Flugasche – ein Mahnmal der damaligen Zustände. 

2009 kehrte Maron in die Stadt zurück – dieses Mal berichtete sie zärtlich von deren Neuerfindung. Das Buch heißt Bitterfelder Bogen , nach dem metallenen Denkmal, das die Stadt ihrem Wandel errichtet hat. 

Auf der 28 Meter hohen Stahlkonstruktion am Rande der Stadt kann der Besucher heute sehen, dass der Schwefeldampf verzogen ist; er sieht ein Seenparadies, wo einst die Braunkohlebagger die Landschaft zerstörten. Es gibt jetzt Postkarten von Bitterfeld – mit Badestränden und "maritimen Grüßen". 

50.000 Arbeitsplätze fielen nach der Wende weg, doch die inzwischen mit dem benachbarten Wolfen fusionierte Stadt legte einen beeindruckenden Aufschwung hin. Große Chemiekonzerne siedelten sich an dem Traditionsstandort an. Hinzu kam das Solarunternehmen Q-Cells , ein Berliner Start-Up, das die Region zu einem der wichtigsten Zentren der Solarindustrie machte. 16.000 Industriejobs entstanden seit der Wende. 

Die parteilose Oberbürgermeisterin Petra Wust sieht es so: "Dies sind die blühenden Landschaften, die Helmut Kohl versprochen hat." Wust lächelt viel, wenn sie über ihre Stadt redet. Sie hat die DDR-Zeiten Bitterfelds miterlebt, als Finanz- und EDV-Expertin in der Filmfabrik Wolfen. Eine Erfolgsgeschichte sei Bitterfeld, sagt sie. Aus aller Welt kämen Menschen, um sich die Stadt aus der Nähe anzusehen.

Im Wahlkampf zur Landtagswahl am 20. März könnte Bitterfeld ganz wunderbar als leuchtendes Beispiel für den Aufschwung herhalten – wäre da nicht das, was die Oberbürgermeisterin Wust nur am Rande erwähnt: Der größte Teil der hoch qualifizierten Gutverdiener wohnt nicht in Bitterfeld. Mehr als 13.000 Angestellte pendeln täglich aus Leipzig, Berlin, Dessau und Halle in die Stadt und verlassen sie nach Feierabend. Bitterfeld-Wolfen ist inzwischen sauber, doch auf den Straßen sind kaum Menschen. Und die Stadt schrumpft weiter. Fast 23.000 Einwohner lebten 2008 im Ortsteil Wolfen. Im Jahr 2020 werden es wohl noch 14.000 sein.

"Bitterfeld ist eine deprimierende Stadt", sagt Joachim Ragnitz. Er ist Vize-Direktor des Dresdener Ifo-Instituts und weiß ziemlich genau, wo genau die wirtschaftlichen Probleme des Ostens liegen – erst kürzlich arbeitete er eine Studie für das vom CDU-Spitzenkandidaten Reiner Haseloff geführte Wirtschaftsministerium aus. Und er wohnt in Bitterfeld. 

Der Boom wirke sich kaum auf die Stadt aus, sagt Ragnitz. "Bitterfeld hat seine weichen Faktoren vernachlässigt." Zu lange habe man im Rathaus geglaubt, wirtschaftliche Entwicklung allein reiche aus. Nun fehlten Bars, Kinos, Kultur, eben das, was eine Stadt für Eliten attraktiv mache. Übrig blieben viele Alte und wenige Jugendliche. Vandalismus und Depression seien deren Ventile. Obendrein fehle es der Stadtverwaltung an Professionalität. Keine guten Aussichten, mehr aus der Stadt zu machen als eine Werkhalle für High Professionals. 

Die Bürgermeisterin reagiert ungehalten auf die Kritik an ihrer Verwaltung. Zu wenig Kultur? "Wer Arbeit hat, muss nicht jeden Tag in die Oper gehen." Die Stadt sei doch nicht dazu da, die Leute zu bespaßen. Es gebe genügend Angebote für jeden. "Wir können doch nicht jeden Jugendlichen an die Hand nehmen. Die sollen sich aufs Fahrrad setzen und selber mal was tun." Sie dichtet ein Zitat von John F. Kennedy um: Frage nicht, was Deine Stadt für Dich tun kann. Frage, was Du für Deine Stadt tun kannst.