Kürzlich war der populäre Noch-Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) zu einem Auftritt in der verarmten Mansfeld-Region eingeladen. Es gab eine Blaskapelle, Erbsensuppe und Lobreden auf Sachsen-Anhalt. Böhmer schüttelte viele Hände. Eine ganz normale Wahlkampfveranstaltung also – wäre nicht SPD-Spitzenkandidat Jens Bullerjahn der Gastgeber gewesen, der zum Empfang in seinen Ortsverein eingeladen hatte.

Demokratie dürfe man "nicht wie einen Boxkampf zelebrieren", sagte der scheidende Regierungschef Böhmer. Er habe auch nicht vor, gegen Bullerjahn Wahlkampf zu machen. Für das Land sei es das Beste, wenn die jetzige Koalition fortgeführt werde. Nichts Besonderes für Böhmer, der in der Union schon manchen mit seiner Querköpfigkeit genervt hat.

Immer wieder fällt in Sachsen-Anhalt das Wort "Kuschelwahlkampf". Bullerjahn und CDU-Spitzenkandidat Reiner Haseloff , seit vier Jahren Kabinettskollegen, verhehlen kaum, dass sie bei der Wahl am kommenden Sonntag das Mandat zum Weiterregieren wollen. Die beiden haben in den gemeinsamen Jahren im Kabinett eine Arbeitsteilung zum gegenseitigen Vorteil gefunden. SPD-Finanzminister Bullerjahn inszenierte sich als Sparkommissar, CDU-Wirtschaftsminister Haseloff profilierte sich mit Ansiedlungspolitik und Unternehmerfreundlichkeit. Mit Erfolg: Experten bescheinigen dem Land eine deutliche Aufwärtsentwicklung,

Nun treten Haseloff und Bullerjahn gemeinsam in Kochshows auf und predigen die Politik der Unausweichlichkeit: Man dürfe die Spar- und Wirtschaftspolitik des Landes nicht gefährden. Schwarz-Rot veranstaltet einen Keine-Experimente-Wahlkampf wie die CDU zu Adenauers Zeiten. Mit Blick auf die Linkspartei mahnt Haseloff, Ineffizienz bedeute Instabilität. Wozu das führe, könne man gut in der arabischen Welt beobachten. Doch nicht nur die Regierung versucht, Ruhe zu stiften.

Infostände aller Parteien sind in den sachsen-anhaltischen Städten kaum zu sehen. Die größte Oppositionspartei, die Linke, ist weit davon entfernt, einen Grundsatzwahlkampf vom Zaun zu brechen. Nicht umsonst wiederholt ihr Spitzenkandidat Wulff Gallert immer wieder, die SPD müsse mit der Linkspartei koalieren, wenn sie ihr Wahlprogramm ernst nehme. Mindestlohn, längeres gemeinsames Lernen, mehr Bürgerbeteiligung – die Linkspartei gibt sich äußerst pragmatisch. Menschlich kommen Gallert und Bullerjahn gut miteinander aus – sie treffen sich auch privat. Die grüne Spitzenfrau Claudia Dalbert nennt das "Kumpanei". "Es ist okay, gemeinsam ein Bier trinken zu gehen. Aber es gibt auch eine Grenze."

Sachsen-Anhalt hätte allen Grund, sich ausführlich über die nächsten politischen Schritte zu streiten. Zwar sinkt die Arbeitslosigkeit, doch vor allem, weil die Jungen immer noch in Scharen abwandern. Für die Einwohner ist das kein abstraktes Problem, sondern real fühlbar: Mittelgroße Städte haben plötzlich Doppelnamen, Polizeiwachen, Schulen und Kindergärten schließen. "In wenigen Jahren wird Sachsen-Anhalt ein massives Problem mit dem Arbeitskräftemangel bekommen", sagt Joachim Ragnitz voraus, Vize-Geschäftsführer des Dresdener ifo-Instituts. Auch dass zwanzig Prozent der Einwohner für einen Stundenlohn unter sieben Euro arbeiten, wäre anderswo Anlass für hitzige Auseinandersetzungen.

Der Linke Gallert verteidigt den Wahlkampf. Die Art der politischen Kommunikation sei hier eben anders. "Die Gürtellinie liegt beim Ostdeutschen deutlich höher als im Westen." Es gebe – auch aus historischen Gründen – ein gebrochenes Verhältnis zum Konflikt. Man könne behaupten, der Ostdeutsche sei politisch harmoniesüchtig. Man könne es aber auch anders herum formulieren: Er konzentriere sich aufs Sachliche.