"Ooooooch". Ein kollektives Raunen erklingt im Willy-Brandt-Haus. Es ist kurz nach 18 Uhr, die erste Hochrechnung zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erscheint auf den Bildschirmen. Der rote Balken der SPD zeigt 21,5 Prozent, die Sozialdemokratie bleibt deutlich hinter der Linkspartei zurück. Sie bleibt drittstärkste Kraft im Parlament zu Magdeburg, mit 0,1 Prozentpünktlein mehr als bei der Wahl 2006.

Dann brandet trotziger Applaus auf, gleich dreimal: Die FDP ist tief abgestürzt, die NPD schafft es nicht in den Landtag und die Wahlbeteiligung stieg. Aber dennoch – die Mienen zeigen es, man hört es in Gesprächen – die SPD hat mehr erwartet.

Schließlich war die SPD auf Aufstiegskurs. In Hamburg schaffte Olaf Scholz die absolute Mehrheit. Und nun: Stagnation. Grummelig sind die ersten Reaktionen. Johannes Heinen, ein Parteianhänger aus Berlin, schimpft ein wenig auf die Grünen, die von der Katastrophe in Japan zu profitieren scheinen. Mehrere Genossen verlangen eine klarere Haltung ihrer Partei in der Diskussion um Libyen.

Aber, das erkennen auch die Kritiker über ihren Weißweingläsern schnell: Miserabel ist das Ergebnis nun auch nicht. Mit richtig hohem Zuwachs hat hier keiner gerechnet. Das zeigt auch der geringe Andrang auf der Wahlparty. "Auf nächsten Sonntag kommt es an", sagen viele. Sachsen-Anhalt gilt als Vorspiel zur Wahl in Rheinland-Pfalz und in Baden-Württemberg.

Dieser Deutung passt sich die SPD-Spitze an. Der erkältete Sigmar Gabriel lässt sich von Generalsekretärin Andrea Nahles vertreten, frisch aus dem Mutterschutz zurück. Das "bürgerliche Lager" – CDU und FDP – habe sechs Prozentpunkte verloren, frohlockt sie. Auch Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sagt, da sei "Bewegung in die richtige Richtung".

Im Berliner Karl-Liebknecht-Haus jubeln etwa 80 Genossen, als auf der Großleinwand 23,5 Prozent für die Linkspartei erscheinen. Ein zweiter Applaus brandet auf, als der Balken der NPD bei 4,5 Prozent stehen bleibt. Der Wahlanalyst im ZDF sagt, mit dem Wahlergebnis sei ein Bündnis aus CDU und SPD die "einzig sinnvolle Koalition". Buhrufe und Empörung sind die Folge. "Du Dumpfbacke", brüllt einer.

Trotzig formulieren die Linken ihren Machtanspruch. "Der Ball liegt bei der SPD", sagen die Genossen an den rot bezogenen Stehtischen. Deren Spitzenkandidat Jens Bullerjahn müsse "über seinen Schatten springen" und sich entscheiden, ob er wirklich soziale Politik machen wolle. Oder ob er weiter ablehne, den Linken-Spitzenmann Wulf Gallert nicht zum Ministerpräsidenten zu wählen. Gemeinsamkeiten gebe es genug, ruft Bundesgeschäftsführerin Caren Loy in das Scheinwerferlicht: In der Bildungs- und Sozialpolitik oder beim geplanten Vergabegesetz. "Es reicht dafür", bilanziert sie.

An einem der Stehtische sagt Petra Pau mit erkältungsgeschwächter Stimme, sie wolle, dass die Sozialdemokraten in Sachsen-Anhalt ihren Spitzenkandidaten von seiner Blockadehaltung abbringen. Als Bullerjahn auf der Großleinwand neben der Rosa-Luxemburg-Büste erscheint, sagt er zwar, dass er heute nicht über Koalitionen spreche. Doch Juniorpartner der Linken wolle er nicht sein, bekräftigt er später.

Den meisten in dem rot ausgeleuchteten Saal dürfte klar sein, dass ihre Partei als zweitstärkste Kraft zur Opposition verdammt ist. Weniger wäre vielleicht mehr gewesen, als Juniorpartner der SPD läge die Regierungsmacht weit näher als jetzt. Mancher ist aber auch erstaunt darüber, dass die Linke trotz eines Spitzenkandidaten auf 24 Prozent kam, den viele für ungelenk und spröde halten.

Doch es gibt auch Optimismus: Nun könne die Partei "mit ganz viel Rückenwind in die Wahlen der nächsten Woche gehen", sagt Janine Wissler, Fraktionschefin der Linken in Hessen, die extra nach Berlin gereist ist.