Sich mit Jens Bullerjahn spontan ein paar Minuten zu unterhalten, ist schwer. Im 30-Sekunden-Takt klopft ihm jemand auf die Schulter, grüßt oder schüttelt seine Hand. So wie vor Kurzem auf dem Gipfel des Brocken-Berges, als der SPD-Spitzenkandidat mit Unternehmern, Leuten von der Handwerkskammer und Kommunalfunktionären redet. Die Menschen schätzen den Endvierziger mit der Brille für seine Eloquenz, seine Witze, seine unkomplizierte Art. Hier ist Bullerjahn nicht nur Landesfinanzminister, sondern auch "der Jens" – trotz schwarzem Anzug und rotweiß gestreifter Krawatte.

Seit 2006 ist Jens Bullerjahn Vizeministerpräsident einer Regierung unter Führung der Christdemokraten. Mit Kabinettschef Wolfgang Böhmer arbeitete er so eng zusammen, dass mancher aus der CDU misstrauisch wurde. Fünf Jahre Schulterschluss sind für Bullerjahn kein Grund, Grundsätzliches zu ändern. Stabilität – dieses Ziel überwölbt seinen Wahlkampf. Nur soll nicht die CDU den nächsten Regierungschef stellen – Bullerjahn selbst betrachtet sich als Nachfolger von Ministerpräsident Böhmer, der altershalber nicht mehr kandidiert. Bullerjahn plus Böhmer ist gleich Erfolg – so rechnet die SPD. Entsprechend lau ist der Wahlkampf.

So wie im Harzstädtchen Wernigerode. Am Ende eines Februartages sitzt der SPD-Spitzenkandidat dort im Saal eines Hotels auf einer Couch und beantwortet Rätselfragen. Wie viel kostet Falschparken? Bullerjahn muss passen. "Im Dienstwagen habe ich doch so eine gelbe Karte, damit darf ich überall parken." Seine Wunsch-Schlagzeile der Zeitung in zehn Jahren? "Dauerhaft kommen mehr Leute nach Sachsen-Anhalt, als weggehen."

Dann lacht das Publikum über die Ost-Witze von Rainer Schulze – Wittenberger Buchhändler, SPD-Stadtfraktionschef und Ex-Mitglied des Dresdner Kabaretts Herkuleskeule. Am Ende leuchtet Bullerjahn auf der Leinwand, vor lichtblauem Grund. "Die Zukunft liegt in unserer Hand",  heißt es unter dem roten Würfel-Logo der SPD. Wieder ist ein Tag Wohlfühl-Wahlkampf geschafft.

Noch einige Abende in Kulturhäusern, ein paar Betriebsrundgänge und Talkrunden, dann die Abschlusskundgebungen – Bullerjahn ersehnt das Ende dieses Marathonlaufs. "Ich zerreiße mich im Wahlkampf, das weiß die Partei". sagt er. Die Gegenleistung ist Gefolgschaft: Die innerparteiliche Machtfrage hat er rechtzeitig für sich entschieden. Noch wenige Wochen und dann werde einfach weiterregiert, sagt er. Am Vorabend der Wahl ist Sportlerball in Sangerhausen. "Da trinke ich mit Freunden ein Bier, weil der Wahlkampf vorbei ist."

In einem Werbefilm hat die SPD Bullerjahn als Anpacker inszeniert: nicht viel reden, sondern handeln. Er schlägt Akten auf, blättert, sichtet, notiert konzentriert, wenn er nicht gerade Schulen und Betriebe besucht. Der Wirklichkeit kommt der Film erstaunlich nahe, nur dass Bullerjahn weit mehr spricht. Mit Energie hat sich der gelernte Elektrotechniker aus Ziegelrode in Ortsverbänden und Unternehmen den Rückhalt für seine Politik erarbeitet. Er liest und schreibt bis tief in die Nacht, zieht Schlüsse mit der Logik eines Informatikers. "Ich brauche wenig Schlaf", sagt Bullerjahn.

Zwei große Projekte konnte er bisher abrechnen: 1994 handelte er mit der damaligen PDS aus, dass die eine Minderheitsregierung aus SPD und Grünen toleriert. Das fragile Konstrukt hielt zwei Wahlperioden. Aus dieser Zeit ist er mit Wulf Gallert befreundet, dem Spitzenkandidaten der Linkspartei. Nachdem die SPD 2002 mit blamablen 20 Prozent die Regierungsmacht eingebüßt hatte, ging Bullerjahn in Klausur und schrieb eine Art Agenda 2020. Ein mutig formuliertes 68-Seiten-Papier, in dem er sein Land schnörkellos sezierte. Bevölkerungsschwund, Überalterung und schwindende Fördergelder ruinierten die von Abwanderung gepeinigte Region, lautete die Warnung. Nur striktes Sparen, erfolgreiches Wirtschaften und die Fusion mit Thüringen und Sachsen könne die Misere beenden.