Zwei Klischees einer Stadt, zwei Unschärfen: Da war, eigentlich Jahrzehnte lang, der schaffige Stuttgarter. Fleißig, säuberlich, unsexy ob seines Dialekts, reich aber knausrig und wegen seiner pietistischen Grundeinstellung nicht fähig zu einer ordentlichen Sause. Das Schönste an Stuttgart, sagte der frühere Bundesliga-Fußballer Thomas Strunz mal, sei die Autobahn nach München. Die hat der damalige VfB-Spieler denn auch nebst einem neuen Vertrag bei den Bayern genommen.

Man hat ihm die Flapsigkeit bis heute nicht vergessen; der Schwabe kann nachtragend sein. Der Schmerz saß so tief, weil damals ausgesprochen wurde, was viele – vor allem jüngere – Stuttgarter tiefinnerlich fühlten: den müden Wind der Provinzgroßstadt, die sich vor allem durch Maloche definierte.

Und dann kam der Wutbürger. Der Schwabe, der angesichts des Bahnhofsprojekts Stuttgart 21 verrückt geworden ist – oder ungewöhnlich mutig, je nach Sichtweise. Niemand hätte für möglich gehalten, zu welcher Wucht des Protests die Stuttgarter in der Lage sind. Auch sie selber nicht. Die Dynamik der Demonstrationen hat alle mitgerissen, die Schüler, die Studenten, die Geiger öffentlicher Orchesters, die Werker von Bosch und Daimler und die Perlenkettenwitwen in ihren Halbhöhenvillen.

Zwischen beiden Bildern liegt eine Wirklichkeit, die weit entfernt ist von allen Klischees. So plagt die wöchentliche Kehrwoche zwar tatsächlich noch die Bewohner der Stuttgarter Mietshäuser. Aber abends, wenn in den vielen Clubs in der Theodor-Heuss-Straße die Lichter angehen, wird ein Teil der Innenstadt zur Partyzone. Fünfmal schon ist die Stuttgarter Oper zum Opernhaus des Jahres gewählt worden. Die Stuttgarter lieben außerdem ihren Fußballverein – wenn die Spieler des Clubs nicht ein Spiel nach dem anderen versemmeln. Der Stuttgarter, das befleckt das aktuelle Bild ein wenig, mag Verlierer nicht besonders. Aber er besitzt die ausgleichende Segnung des Humors. "Willst du Stuttgart oben sehen, musst du die Tabelle drehen", kalauern die Anzugträger im sündhaft teuer ausgebauten Business-Bereich des Stadions bei Häppchen und Prosecco.

Doch das Beste an der Stadt liefert keine Schlagzeilen: Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der Kulturen, Religionen und Mentalitäten hier seit Jahrzehnten zusammenleben. Der Anteil der Einwohner mit ausländischem Pass liegt derzeit bei 21 Prozent. Das entspricht einem Wert, wie ihn auch andere deutsche Großstädte aufweisen. Er ist sogar höher als in Hamburg. Ungeschlagen ist Stuttgart aber beim Anteil der Bürger mit Migrationshintergrund.  Er liegt bei 40 Prozent. Die Kriminalstatistiken zeigen jedoch weder signifikant mehr ausländische Täter noch mehr ausländische Opfer als anderswo.

Das ist auch das Ergebnis jahrelanger, gelungener Integrationspolitik. Die Industriebetriebe haben die Gastarbeiter dringend gebraucht in den sechziger und siebziger Jahren. Und die deutschen Kollegen haben gespürt, wie es rasant aufwärts ging in der Automobilindustrie und im Maschinenbau. Aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft wurde Alltäglichkeit, in die auch alle hineingezogen wurden, die später in die Stadt kamen. Das ist bis heute so. Die Stadtverwaltung, egal unter welchem Oberbürgermeister, hat es nie versäumt, ganz genau in die fünf Stadtbezirke zu schauen, runde Tische für Debatten mit Bildungs- und Sozialträgern zu bilden, ein Sensorium zu bewahren für Problemschulen oder Problemstraßen. Es gibt keine wirklichen Problembezirke in Stuttgart. Dass sich einmal ein ganzer Stadtteil wütend gegen den Bau einer Moschee stemmen könnte, dafür fehlt ebenfalls jeder Hinweis.

Die Justiz tut das ihrige zur insgesamt friedlichen Situation. 1999 wurde im Stadtteil Bad Cannstatt, zunächst als Pilotprojekt, das Haus des Jugendrechts gegründet . Es wurde bald zur festen Institution. In einem Gebäude sitzen Polizei, Jugendgerichtshilfe und Staatsanwaltschaft, sie arbeiten Hand in Hand mit den zuständigen Jugendrichtern, die ihre Büros wiederum in unmittelbarer Nachbarschaft haben. Ziel ist es, bei Jugendlichen, die eine Straftat begangen haben oder sozial auffällig wurden, Verhaltensänderung zu bewirken. Strafen folgen hier unmittelbar auf den Fuß, unter Umgehung der häufig überfüllten Gerichtskalender. Aber die Strafen werden angepasst. Anstatt eines Gefängnisaufenthalts gibt es die Möglichkeit, in städtischen Sozialprojekten mitzuarbeiten. Und das auf vielfältige Weise.

Gerade weil die halbe Welt in Stuttgart zu Hause ist und weil sie eingebunden ist ins öffentliche Leben, haben rechte Parteien so gut wie keinen Nährboden. Das gilt im Übrigen auch zunehmend für die CDU, die ihre Landtags- und Bundestagswahlen längst außerhalb Stuttgarts gewinnt. Die Grünen sind seit Juni 2009 stärkste Kraft im Gemeinderat: ein Erdrutschsieg, der von den bürgerlichen Vertretern im Gremium bis heute kaum begriffen wurde. Im Herbst nächsten Jahres wird der neue Stuttgarter Oberbürgermeister gewählt, ob CDU-Amtsinhaber Wolfgang Schuster noch einmal antritt, ist offen. Im Tübinger Rathaus läuft sich schon einmal der Grüne Boris Palmer warm. Bereits vergangenes Jahr hat er seine Kandidatur erklärt.

Das Gesicht Stuttgarts hat sich verändert, schon vor den Protesten gegen Stuttgart 21. Und diese Stadt ist weiter im Werden. So schwindet auch längst die Zahl derer, die sich wünschten, sie lebten in München.