Doch Koch wollte Sedlatzek-Müller nicht werden. Es war das einzige Angebot, das er bekam. Bisher bescheinigten die Bundeswehrärzte dem traumatisierten Soldaten eine Wehrbeschädigung von 40 Prozent. Erst ab 50 Prozent besteht ein Anspruch auf eine staatliche Versorgung – und eine Pflicht der Bundeswehr, die Betroffenen weiter zu beschäftigen. Seit eineinhalb Jahren prüft die Armee, für die Sedlatzek-Müller fast gestorben wäre, ob sich seine Krankheit verschlechtert hat. Jüngst stellte ein Psychologe eine Anpassungsstörung fest. Diese habe aber nichts mit PTBS zu tun. "Bevor ich traumatisiert wurde, hatte ich aber keine Anpassungsschwierigkeiten", sagt Sedlatzek-Müller. Bei der Musterung erhielt er Tauglichkeit Stufe 1. Kein Arzt stellte damals eine Erkrankung fest. Die ersten Aufnahmetests beim Kommando Spezialkräfte (KSK), der Elite der Armee, hat er mit Bravour bestanden.

Gegen die Diagnose des Psychologen hat er Widerspruch eingelegt. Damit wird der Kleinkrieg gegen die Mediziner weitergehen, der bereits seit Jahren läuft. Irgendwann verschwand die Gesundheitsakte des Soldaten mit allen Unterlagen. Bis heute ist sie nicht wieder aufgetaucht.

Wenige Beamte, wie eine Frau bei der Fürsorgestelle, kümmern sich schnell und ohne stoisch am Paragrafen zu kleben. "Die sitzen einfach alles aus. Ich kann nicht mehr", sagt Sedlatzek-Müller. In seinem Tonfall schwingt kein Jammern mit, sondern tiefe Bitterkeit. "Die finden immer wieder eine Möglichkeit, mir Findlinge in den Weg zu legen. Ich spreche schon lange nicht mehr von Steinen."

Resigniert hat Sedlatzek-Müller dennoch nicht. Als Fallmanager der Deutschen Kriegsopferfürsorge und der Bund Deutschen Veteranen betreut er andere frühere Soldaten, denen es ähnlich geht. "Ich bin kein Einzelfall, leider", sagt der Ex-Elitesoldat. Ein früherer Kamerad lebt seit Jahren von Hartz-IV, wie Sedlatzek-Müller wurde er von der Truppe untherapiert entlassen. 

Dass Veteranen so abstürzen im so reichem Deutschland, wo doch alles geregelt scheint, wo es Gesetze für alles und jeden gibt, macht Sedlatzek-Müller wütend. "Es gibt ehemalige Soldaten da draußen, die werden vom Staat allein gelassen. Die gehen vor die Hunde", sagt er. "Die Männer brauchen ihre Würde zurück. Dass die Politik ihnen nicht hilft, das werfe ich den Abgeordneten vor." Er befürchtet, dass einer der Veteranen durchdrehen könnte, wie es in den Vereinigten Staaten öfter vorkommt. Dort erschossen Veteranen des Vietnam-, des Irak- und des Afghanistankrieges Vorgesetzte oder ihre Familie.

Sedlatzek-Müller will nicht auf Zahlungen vom Staat angewiesen sein. Doch ohne ein Einkommen weiß er nicht, wie er eine stationäre Therapie durchhalten soll. PTBS gilt als kaum heilbar, aber die Betroffenen können lernen, mit ihrer Krankheit zu leben. Die Truppe hat dem früheren Soldaten angeboten, eine Therapie in einem Bundeswehrkrankenhaus zu machen. "Wie soll ich ohne Einkommen die Rechnungen bezahlen?", fragt Sedlatzek-Müller. "Meine Frau wird nach der Geburt auch nicht arbeiten können und weniger Gehalt haben."

Für den 8. Mai haben die Ärzte den Geburtstermin vorausgesagt. Sedlatzek-Müller weiß, dass er zum zweiten Mal Vater eines Mädchens werden wird. Eine neunjährige Tochter lebt bei der ersten Frau. Wie sein Leben mit Baby und PTBS werden wird, weiß er nicht. "Ich habe bald die Verantwortung für meine zweite Tochter", sagt er. Verantwortung heißt auch, eine Therapie zu machen. Dann kann er vielleicht seiner Tochter später einmal von einer düsteren Zeit erzählen, die dann hoffentlich hinter ihm liegt.

An der Kletterwand hat sich der Veteran nach oben gequält. Sedlatzek-Müller schaut nach unten. Bald will er ohne Sicherung klettern. Das passe viel besser zu seinem Leben, sagt er.