Zäsur, Zeitenwechsel, Epochenwende – starke Worte werden für das Ergebnis der Landtagswahl in Baden-Württemberg benutzt. 26 Jahre nachdem Joschka Fischer der erste grüne Minister in Deutschland wurde, werden die Grünen nun mit Winfried Kretschmann auch einen Regierungschef stellen. Das ist in der Tat eine Zäsur.

Andererseits war das gestrige Wahlergebnis in Baden-Württemberg überfällig. Es ist die logische Konsequenz von Entwicklungen, die auf deutschen Wählermärkten schon seit geraumer Zeit zu beobachten sind: Zur Wahl zu gehen, ist für die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes keineswegs mehr selbstverständlich. Ihre langfristigen, affektiven Bindungen an politische Parteien werden schwächer (wenngleich sie durchaus noch existieren). Auch die Bereitschaft, gegen solche langfristigen Überzeugungen zu stimmen, steigt. In der Konsequenz all dessen werden Wahlen weniger vorhersagbar. Ein erheblicher Anteil der Wähler entscheidet sich erst am Wahltag selbst, wie Umfragen zeigen.

Wenn dem aber so ist, was tritt dann an die Stelle der Automatismen des Wählerverhaltens, die früher einmal das Verhalten vieler Menschen bestimmt haben? Auf welcher Basis treffen Menschen ihre Entscheidungen? Das müssen dann zwangsläufig kurzfristige Faktoren sein, das hat auch der gestrige Abend einmal mehr gezeigt.

Diese situativen Faktoren haben sich am Sonntag eindeutig zugunsten der Grünen ausgewirkt. Es war nicht E10 , es war nicht Guttenberg , es war nicht Libyen – es war das Reaktorunglück von Fukushima und die sich daran anschließende innenpolitische Debatte, die den gestrigen Wahltag geprägt haben. Nur so lässt sich erklären, warum die Grünen der alleinige Gewinner des Abends waren: Der Kampf gegen Kernkraft ist ihr Lebenselixier. Keine andere Partei – allen entsprechenden Versuchen zum Trotz auch nicht SPD oder Linke – macht ihnen auf diesem Gebiet Konkurrenz.

Nicht ganz verschweigen darf man auch das Thema Stuttgart 21 . Zwar hat es nicht direkt die Wahlentscheidungen am gestrigen Wahltag geprägt. Aber es hat vor Monaten für die Opposition ein – neudeutsch formuliert – window of opportunity geschaffen. Es hat die Menschen politisiert und polarisiert. Stuttgart 21 hat die Regierung Mappus ins Wanken gebracht, das Atomthema hat sie gestürzt.

Bleibt allerdings die Frage: Woher sind all die grünen Wähler eigentlich gekommen? Schaut man sich die Verschiebungen in den 70 Wahlkreisen Baden-Württembergs zwischen den Wahlen 2006 und 2011 an, so haben die Grünen besonders dort stark zulegen können, wo CDU und SPD besonders starke Verluste haben hinnehmen müssen. Vor allem aus diesen beiden Quellen speist sich der Erfolg der Grünen.

 Nichtwähler mobilisiert

Auch die Wahlstudie Baden-Württemberg der Uni Mannheim zeigt, dass viele Bürger innerhalb des linken Lagers zwischen SPD und Grünen schwankten, sich aber am Ende – teils sogar erst am Wahltag selbst – für letztere entschieden. Grün-Rot statt Rot-Grün ist auch das Ergebnis dieser Spätentscheider.

Schließlich ist es den Parteien in unterschiedlichem Maße gelungen, frühere Nichtwähler zu mobilisieren. Am besten waren auch hier die Grünen, am schlechtesten Union und FDP. Viele ihrer (früheren) Anhänger sind gestern zu Hause geblieben. Die " asymmetrische Mobilisierung ", die der Union 2009 noch den Sieg auf Bundesebene beschert hat, hat nun zum Verlust der Bastion Baden-Württemberg beigetragen.

Apropos Wahlbeteiligung: Insgesamt haben gestern knapp 66 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht. Das sind rund 13 Prozentpunkte mehr als 2006 – eine erfreuliche Entwicklung.

Gleichwohl bedeutet es, dass jeder dritte Wahlberechtigte von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch gemacht hat. Zum Vergleich: Auf Basis aller Wahlberechtigten, nicht der Wähler hat die CDU gestern 25 Prozent Zustimmung erhalten, die Grünen 16, die SPD 15 Prozent.

Die Zahl der Wähler von SPD und Grünen ist damit kleiner als die Zahl der Nichtwähler. Davon zu sprechen, die Partei der Nichtwähler habe die Wahl gewonnen, ist dennoch Unsinn. Zu unterschiedlich sind die Motive, die im Einzelfall dazu führen, dass jemand darauf verzichtet, seine Stimme abzugeben. Trotzdem: Angesichts der scheinbar maximalen Politisierung und Polarisierung, angesichts der Erwartung eines äußerst knappen Wahlausgangs, ist die Zahl der Nichtwähler bedenklich hoch.