Man könnte rein machtstrategisch fragen: Was bringt es der Politik ein, dass sie die Debatte über die Präimplantationsdiagnostik (PID) freigibt und jeglichen Fraktionszwang aufhebt?

Die Antwort: eine Menge. Wenn es um Fragen von Tod und Leben geht, darum, wann Leben eigentlich genau beginnt und ob schon einem Zellhaufen in einer Petrischale Menschenwürde zuzusprechen ist, wären klare Parteilinien kontraproduktiv. Denn wie sähe das aus: Partei A sagt: Wir wollen das – und wird sogleich mit der Schlagzeile konfrontiert: "A stimmt geschlossen für die Kinderselektion!" Oder Partei B entscheidet sich dagegen und muss hören: "B enthält verzweifelten Eltern gesunde Kinder vor!"

Da ist es doch klüger, die Debatte freizugeben und gemeinsam einen hübschen Imagegewinn mitzunehmen. Denn natürlich wird in der Zeitung stehen: "Bundestag erlebt Sternstunde – Abgeordnete ringen in nachdenklicher Debatte um Entscheidung".

So denkt der Zyniker.

Man kann auch ganz anders argumentieren: Die faktischen Argumente zur PID sind ausgetauscht. Nun gilt es, sie zu bewerten. Die Fragen, die sich dabei stellen, greifen tief in das Wertegerüst jedes Menschen ein und entziehen sich parteipolitischen Kriterien. Den Beginn des Lebens kann man nicht sozialdemokratisch oder konservativ definieren, nicht liberal oder grün, schon gar nicht in gegenseitiger Abgrenzung. So grundsätzliche Entscheidungen kann ein Abgeordneter nur aus sich selbst heraus treffen; jeder Gruppenzwang würde das Individuum in seiner Integrität beschädigen.