Joachim Herrmann wird heute neidisch nach Frankreich schauen. Dort tritt jenes Burka-Verbot in Kraft, das Bayerns Innenminister im vergangenen Jahr ebenfalls beworben hatte. Von heute an darf keine Gesichtsverschleierte mehr in Paris oder Marseille zur Schule gehen oder mit dem Bus fahren. Herrmann wollte Ähnliches auch in Augsburg und Erlangen.

Allein, das Engagement des Innenministers blieb folgenlos. Erstens, weil er sich auf Interviews beschränkte und nicht etwa Gesetzestexte ausarbeitete. Und zweitens, viel gravierender, interessierte es kaum jemanden, was Herrmann an den Burkas auszusetzen hatte. Das wiederum mag damit zusammenhängen, dass es in Augsburg und Erlangen kaum Burka-Trägerinnen gibt. In der ganzen Bundesrepublik sind es deutlich weniger als tausend.

Dieses Wochenende war es wieder ähnlich: Die CSU problematisierte etwas, was eigentlich kein Problem ist. Diesmal ging es um die gut 20.000 Flüchtlinge aus Nordafrika, die ihre Heimat aufgrund der Unruhen in ihrem Land verlassen. Problematisch ist das alles schon: Man könnte gut über die neue Weltordnung diskutieren, über den Umgang mit autoritären Despoten, auch gern über die lebensgefährlichen Umstände solcher Fluchten und die künftigen Herausforderungen, die sich für die EU daraus ergeben.

Nur die CSU beschränkte sich dieses Wochenende wieder auf das kleinste denkbare Karo. Nämlich: Wie hält man die Flüchtlinge aus dem schönen Freistaat heraus? Italien sei groß genug, um allein mit den Flüchtlingen fertig zu werden, trompetete Herrmann. Andere Christsoziale schlugen vor, bis auf weiteres wieder Grenzkontrollen einzuführen. Wohlgemerkt: Nach Angabe des Bundesinnenministeriums, das ebenfalls von der CSU geführt wird, kamen bislang nicht einmal 200 Flüchtlinge in deutsche Gefilde.

Warum schürt man also Ängste, obwohl es hierzulande weder Burkas noch Bürgerkriegsgeschädigte im relevanten Umfang gibt? Warum wartet die CSU mit dieser Debatte nicht ab, bis ihr eigener Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich sich an diesem Montag in Luxemburg mit seinen EU-Amtskollegen beraten und abgestimmt hat?

Nun, weil man selbst verunsichert ist. Die CSU hofft in beiden Fällen, sich als Law-and-Order -Partei profilieren zu können. Und sie hofft, dass die "kleinen Leute", die sie gern anspricht, sich von Schleier-Frauen und Flüchtlingen bedroht fühlen. Deshalb greift sie auf eine Rhetorik zurück, die Koalitionspartner von der FDP mit Recht als "hinterwäldlerisch" bezeichnen.

Die CSU hat sich immer schon viel darauf zu Gute gehalten, dass sie dem Volk aufs Maul schaut. Kein Zweifel, darin liegt ihre Stärke begründet. Seit dem Verlust der absoluten Mehrheit in Bayern wirkt dieses Unterfangen allerdings panischer als früher. Die CSU spürt, dass sie die Mehrheit der Bayern nicht mehr erreicht. Dies versucht sie durch Lautstärke zu kaschieren. Seit dem erzwungenen Rücktritt ihrer Lichtgestalt Karl-Theodor zu Guttenberg erklingen die Sprüche und Forderungen aus dem CSU-Lager überdies noch atemloser. Erst verteidigen Seehofer und Söder die Kernkraft, dann wollen sie sich an die Spitze der Anti-AKW-Bewegung setzen. Vertrauenswürdig ist das nicht, sondern alarmistisch.