Bisher kam in Deutschland nur ein potenzieller Ort als Endlager für hoch radioaktiven Müll in Frage: Gorleben. Die künftige grün-rote Regierung in Baden-Württemberg will sich zu einer bundesweiten Endlagersuche bekennen. Dies soll im Koalitionsvertrag stehen, den beiden Parteien am Mittwoch unterzeichnen wollen.

Voraussetzung ist für Grüne und SPD in Baden-Württemberg der definitive Ausstieg aus der Atomenergie. Der designierte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hatte bereits in einem Interview angekündigt, in dem Fall "selbstverständlich" auch die Untersuchung von Tonschichten in seinem Bundesland zuzulassen. "Alles, was geeignet ist für atomare Endlager, muss untersucht werden. Da ist niemand ausgenommen."

Die bisherige schwarz-gelbe Landesregierung hatte eine Suche nach einem Endlager in Baden-Württemberg stets abgelehnt: Bevor Gorleben nicht abschließend erkundet sei, stelle sich die Frage nach anderen Standorten nicht. Kritiker sagen, das Deckgebirge über dem Salzstock in Niedersachsen sei ungeeignet, um Atommüll sicher zu lagern. Zudem bereiten Kohlenwasserstoffvorkommen Sorgen. Die Atomwirtschaft weist die Zweifel zurück. Sie hat bisher mehr als 1,5 Milliarden Euro in die Prüfung Gorlebens investiert.

Die schwarz-gelbe Landesregierung in Hannover reagierte erfreut auf die Ankündigung aus Stuttgart. "Wichtig wäre nun, dass Baden-Württemberg auch zwei bis drei Standorte vorschlägt, so wie es einst Niedersachsen getan hat, bevor Gorleben ausgesucht wurde", sagte Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP).

Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, begrüßte den neuen Kurs im Südwesten als vorbildlich. "Das ist ein ganz wichtiges und starkes Signal", sagte er. Damit bestehe erstmals auch in einem anderen Land als Niedersachsen die Bereitschaft, sich der Verantwortung zu stellen. König ist allerdings dagegen, schon jetzt konkrete Standorte zu nennen.

Wichtig sei vielmehr, dass in der gesamten Republik alle möglichen geologischen Bedingungen ins Auge gefasst würden, die für eine Endlagerung infrage kämen. Neben Tongestein seien das noch Salz und Granit. In Baden-Württemberg gebe es "Tongesteine, die grundsätzlich geeignet sein könnten", nukleare Abfälle aufzunehmen.

Niedersächsische Atomkraftgegner, die vom Bund einen Stopp des Projekts im Wendland fordern, bescheinigten Kretschmann einen mutigen ersten Schritt. Allerdings müssten jetzt andere Bundesländer folgen, sagte Wolfgang Ehmke, der Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. "Grundsätzlich sind jetzt auch die Bayern hier gefragt."

Die dortige Regierung blieb aber bei ihrem Nein. "Bayern ist für einen Endlagerstandort nicht geeignet – und zwar aus geologischen, nicht aus politischen Gründen", sagte ein Sprecher des Landesumweltministeriums. Die wissenschaftlichen Ergebnisse der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe und des Bayerischen Landesamtes für Umwelt seien eindeutig.